{"id":722,"date":"2023-02-27T22:56:50","date_gmt":"2023-02-27T21:56:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=722"},"modified":"2023-02-27T23:02:05","modified_gmt":"2023-02-27T22:02:05","slug":"wie-wir-in-zukunft-wissenschaftliche-texte-schreiben-koennten-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2023\/02\/27\/wie-wir-in-zukunft-wissenschaftliche-texte-schreiben-koennten-teil-3\/","title":{"rendered":"Wie wir in Zukunft wissenschaftliche Texte schreiben (k\u00f6nnten) \u2013 Teil 3"},"content":{"rendered":"\n<p>Radikale Ver\u00e4nderungen im Zusammenspiel von Maschine und Mensch beim Schreiben von Texten sind im Gang. K\u00fcnstliche Intelligenz kann automatisch Texte verfassen, \u00fcbersetzen und redigieren. Im dritten Teil der <a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2022\/12\/08\/wie-wir-in-zukunft-wissenschaftliche-texte-schreiben-koennten-teil-1\/\">Serie<\/a> m\u00f6chte ich auf meine dritte These eingehen: Vorgaben von Institutionen und Disziplinen zu bestimmten Bibliographieformaten sind \u00fcberfl\u00fcssig; Zitation kann endlich v\u00f6llig losgel\u00f6st von Formalit\u00e4ten betrachtet werden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eigentlich k\u00f6nnte es schon l\u00e4ngst der Fall sein, dass die Formate von Bibliographien und des Zitierens eine rein individuelle Sache sind: M\u00f6gen Sie Zitationen als Fussnoten oder lieber im Text? Soll die Bibliographie alphabetisch nach Autor:innen-Name oder numerisch nach Reihenfolge der Nennung im Text angeordnet sein? Soll die Jahreszahl in Klammern stehen und was genau des Titels soll hervorgehoben sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Publikationsorgane (Journals, Verlage) und F\u00e4cher an Universit\u00e4ten bestehen nach wie vor auf bestimmten Formaten: APA, Harvard, Chicago, DIN&#8230; In Seminararbeiten wird \u00fcberpr\u00fcft (und bewertet), ob das Format korrekt eingehalten worden ist, der beim Journal eingereichte Artikel kommt mit formalen Korrekturen in der Bibliographie zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Klug, wer schon lange das bibliographieren und zitieren nicht h\u00e4ndisch macht, sondern Software daf\u00fcr nutzt, z.B. <a href=\"https:\/\/www.zotero.org\">Zotero<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bildschirm\u00adfoto-2023-02-27-um-22.02.19.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"509\" src=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bildschirm\u00adfoto-2023-02-27-um-22.02.19-1024x509.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-723\" srcset=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bildschirm\u00adfoto-2023-02-27-um-22.02.19-1024x509.png 1024w, https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bildschirm\u00adfoto-2023-02-27-um-22.02.19-300x149.png 300w, https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bildschirm\u00adfoto-2023-02-27-um-22.02.19-768x382.png 768w, https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Bildschirm\u00adfoto-2023-02-27-um-22.02.19.png 1292w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Verwendung einer Literaturverwaltungs-Software wie Zotero<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Praktisch jede Publikation hat eine ID, z.B. eine DOI (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Digital_Object_Identifier\">Digital Object Identifier<\/a>, im Jahr 2000 gegr\u00fcndet), B\u00fccher eine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internationale_Standardbuchnummer\">ISBN<\/a> (definiert 1972) und die Bibliotheken und der Buchhandel bem\u00fchen sich seit Jahrzehnten, strukturierte Formen der Titelerfassung zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Software wie Zotero schl\u00e4gt \u00fcber die Eingabe solcher Identifier die bibliographischen Daten in verschiedenen Datenbanken nach und produziert bei der Verwendung jede denkbare Formatierung des Titels. Wer konsequent mit einer solchen Software arbeitet, investiert ein bisschen Zeit in die Pflege der eigenen Titeldatenbank, erh\u00e4lt daf\u00fcr am Ende des Textes automatisch das korrekt nach einem bestimmbaren Stil formatierte Literaturverzeichnis.<\/p>\n\n\n\n<p>So weit, so gut. Doch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Warum sind Zitationsstile \u00fcberhaupt noch relevant? Warum liegt die Entscheidung f\u00fcr den gew\u00fcnschten Stil nicht in der Hand der Leserin?<\/li>\n\n\n\n<li>Warum tun sich doch immer noch viele Forschende schwer, den Umgang mit Literatur in die H\u00e4nde von Software zu legen? <\/li>\n\n\n\n<li>Und k\u00f6nnen wir dank K\u00fcnstlicher Intelligenz uns vielleicht sogar von der strukturierten Literaturerfassung mit Literaturverwaltungssoftware verabschieden?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leserin entscheidet<\/h2>\n\n\n\n<p>Bei digital pr\u00e4sentierten Texten m\u00fcssten eigentlich der Zitationsstil und das Format der Bibliographie gar nicht von der Autorin des Textes definiert werden m\u00fcssen. Es reicht ja beim Schreiben, den richtigen Identifier zu hinterlegen und erst bei der Darstellung des Textes wird entschieden, nach welchem Stil formatiert wird. Wenn die Leserin lieber Fussnoten h\u00e4tte: bittesch\u00f6n! Die sind die Pest? Dann halt inline. Die Bibliographie selber ist eigentlich auch nicht n\u00f6tig: Die Vollanzeige des Titels kann ja z.B. beim Hovern \u00fcber die Zitation direkt angezeigt werden. Aber wenn die Leserin lieber eine Liste aller zitierten Titel h\u00e4tte: Auch kein Problem.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00fcrde,  so zu denken, ist das PDF-Format, das nach wie vor unheimlich beliebt aber eigentlich v\u00f6llig ungeeignet ist, um digitale Texte anzuzeigen. Es folgt der Logik der <a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2022\/12\/08\/wie-wir-in-zukunft-wissenschaftliche-texte-schreiben-koennten-teil-1\/\">Schreibmaschinenkultur<\/a> des Schreibens: Ein Text wird in einer bestimmten Form gesetzt \u2013 und so bleibt er. Mit HTML (oder Markdown) st\u00fcnden Formate bereit, die einen Text erst im Moment des Anzeigens setzen (rendern). Viele Verlage bieten HTML-Ansichten von Texten inzwischen an, das PDF h\u00e4lt sich aber hartn\u00e4ckig. Zudem schreiben wir normalerweise nicht in HTML, sondern in einer Textverarbeitungssoftware, die sich nicht entscheiden kann, ob sie der <a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2022\/12\/08\/wie-wir-in-zukunft-wissenschaftliche-texte-schreiben-koennten-teil-1\/\">Schreibmaschinenkultur oder der Programmierkultur des Schreibens<\/a> folgen will.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unwille, Software zu nutzen<\/h2>\n\n\n\n<p>Selbst wenn man nicht den Traum der rezeptionsorientierten Darstellung von Text tr\u00e4umt, m\u00fcsste die Nutzung von Literaturverwaltungssoftware attraktiv sein. Trotzdem z\u00f6gern viele Forschende, wahrscheinlich oft in den Geisteswissenschaften, sie zu nutzen: Die Software mit den Titeln zu f\u00fcllen, bedeutet Arbeit, wenn man nicht schon lange konsequent damit gearbeitet hat. Wenn dieser Schritt geschafft ist, dann gilt es nur, immer konsequent zu sein: Alles, was man an Literatur so findet, muss man sofort in die Datenbank importieren \u2013 oft reicht zum Gl\u00fcck ein Klick im Browser.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch: M\u00fcsste es nicht doch viel einfacher gehen?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">K\u00fcnstliche Intelligenz: Zur\u00fcck zum Unstrukturierten<\/h2>\n\n\n\n<p>Dieser Gedanke kam mir, als ich die <a href=\"https:\/\/www.konstanze-marx.de\/publikationen\/\">Publikationsliste<\/a> auf der Webseite meiner Kollegin Konstanze Marx anschaute:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><strong>2023<\/strong>&nbsp;mit Simon Meier-Vieracker, Lars B\u00fclow und Robert Mroczynski. Digitale Pragmatik: Einleitung. In: Meier-Vieracker, Simon\/B\u00fclow, Lars\/Marx, Konstanze\/Mroczynski, Robert (Hrsg.): Digitale Pragmatik. Stuttgart: Metzler, 1\u201312.<br><strong>2022<\/strong>&nbsp;mit Janine Luth und Christian Pentzold. Ethische und rechtliche Aspekte der Analyse von digitalen Diskursen. In: Gredel, Eva und das DFG-Netzwerk (Hrsg.):&nbsp;<em>Diskurse \u2013 digital: Theorien, Methoden, Anwendungen.&nbsp;<\/em>Berlin, Boston: de Gruyter,&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110721447\/html\" target=\"_blank\">99\u2013134<\/a>.<br><strong>2022&nbsp;<\/strong>Schwimmen im Strudel oder Datenerhebung im Spannungsfeld zwischen Ethik und Erkenntnisinteresse. In: Bei\u00dfwenger, Michael\/Lemnitzer, Lothar\/M\u00fcller-Spitzer, Carolin (Hrsg.):&nbsp;<em>Forschen in der Linguistik. Eine Methodeneinf\u00fchrung f\u00fcr das Germanistik-Studium<\/em>. Paderborn: Brill|Fink (UTB 5711), 292\u2013303.<\/p>\n<cite>https:\/\/www.konstanze-marx.de\/publikationen\/<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ung\u00fcnstig, wenn man diese Titel in eine Literaturverwaltungssoftware importieren will. (Ich erinnerte mich daran, dass ich vor langer, langer Zeit mal einen Parser programmierte, der versuchte, solche Literaturangaben automatisch in ein strukturiertes Format zu konvertieren&#8230;) Doch ein Sprachmodell wie ChatGPT kennt sich mit Mustern prima aus, deshalb:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Prompt: Hier sind Publikationen von Konstanze Marx. Bitte formatiere sie im RIS-Format (mit ausgeschriebenen Vornamen):<br>[Liste der Publikationen von oben]<\/p>\n\n\n\n<p>Antwort:<br>TY &#8211; BOOK <br>AU &#8211; Marx, Konstanze <br>AU &#8211; Meier-Vieracker, Simon <br>AU &#8211; B\u00fclow, Lars <br>AU &#8211; Mroczynski, Robert <br>PY &#8211; 2023 <br>TI &#8211; Digitale Pragmatik: Einleitung <br>T3 &#8211; Digitale Pragmatik <br>PB &#8211; Metzler <br>CY &#8211; Stuttgart <br>SP &#8211; 1 <br>EP &#8211; 12<\/p>\n\n\n\n<p>TY &#8211; CHAP <br>AU &#8211; Marx, Konstanze <br>AU &#8211; Luth, Janine <br>AU &#8211; Pentzold, Christian <br>PY &#8211; 2022 <br>TI &#8211; Ethische und rechtliche Aspekte der Analyse von digitalen Diskursen <br>BT &#8211; Diskurse \u2013 digital: Theorien, Methoden, Anwendungen <br>ED &#8211; Gredel, Eva <br>ED &#8211; DFG-Netzwerk <br>PB &#8211; de Gruyter <br>CY &#8211; Berlin, Boston <br>SP &#8211; 99 <br>EP &#8211; 134<\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<cite>ChatGPT-Dialog vom 27. Februar 2023<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Sprachmodell ist also in der Lage, aus den unstrukturierten Daten ein strukturiertes Format zu erzeugen, das dann z.B. Zotero problemlos lesen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ergeben sich neue M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Literatur kommt unkomplizierter in eine Literaturverwaltungssoftware.<\/li>\n\n\n\n<li>Eigentlich ist eine Literaturverwaltungssoftware gar nicht mehr n\u00f6tig.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Vielleicht haben die Skeptiker:innen doch Recht: Wir wollen unser wissenschaftliches Leben ja \u00fcberhaupt gar nicht mit formalem Literaturkram verbringen. Zitationsstile sollten uns sowieso egal sein, aber auch das Jonglieren mit Software ist unn\u00f6tig. Wenn ich beim Schreiben etwas zitieren will, dann ziehe ich dieses Etwas (ein PDF auf meinem Rechner, ein Browserfenster mit einem ge\u00f6ffneten Paper, eine beliebige andere Webseite) einfach in meine Textverarbeitung und die KI k\u00fcmmert sich um den Rest. Habe ich das Buch auf meinem Schreibtisch liegen, dann sollte es reichen, es vor die Kamera des Rechners zu halten und die KI weiss Bescheid. Sie pr\u00fcft, ob es eine ordentliche DOI dazu gibt und die Textverarbeitung speichert diese Information. Publiziere ich meinen Text, dann entscheidet die Leserin und der Leser, welche Darstellung auf dem Device, das sie oder er in H\u00e4nden h\u00e4lt, gerade am praktischsten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe zu: Ich war bisher ein grosser Freund von Literaturverwaltungssoftware. Aber die Zukunft ist es wohl nicht&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bereits erschienen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2022\/12\/08\/wie-wir-in-zukunft-wissenschaftliche-texte-schreiben-koennten-teil-1\/\">Teil 1,&nbsp;<strong>Schreib- und Rechercheunterst\u00fctzung durch KI:<\/strong><\/a><strong>&nbsp;<\/strong>Systeme der K\u00fcnstlichen Intelligenz zum Generieren von Texten werden keine sinnvollen wissenschaftlichen Texte verfassen, uns aber eine riesige Hilfe beim Schreiben und Recherchieren sein.<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2022\/12\/18\/wie-wir-in-zukunft-wissenschaftliche-texte-schreiben-koennten-teil-2\/\">Teil 2<\/a>,<a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2022\/12\/18\/wie-wir-in-zukunft-wissenschaftliche-texte-schreiben-koennten-teil-2\/\"> <strong>Die Frage nach der richtigen Publikationssprache ist obsolet:<\/strong><\/a> Ich verfasse meinen wissenschaftlichen Text in der Sprache, in der ich am liebsten schreibe. Die Leser:innen entscheiden selber, in welcher Sprache sie ihn rezipieren m\u00f6chten.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Radikale Ver\u00e4nderungen im Zusammenspiel von Maschine und Mensch beim Schreiben von Texten sind im Gang. K\u00fcnstliche Intelligenz kann automatisch Texte verfassen, \u00fcbersetzen und redigieren. 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