{"id":659,"date":"2021-07-08T19:50:45","date_gmt":"2021-07-08T17:50:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=659"},"modified":"2021-07-08T19:50:45","modified_gmt":"2021-07-08T17:50:45","slug":"iss-den-teller-leer-dann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2021\/07\/08\/iss-den-teller-leer-dann\/","title":{"rendered":"Iss den Teller leer, dann&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8230;gibt es morgen sch\u00f6nes Wetter! So w\u00fcrden wir den Satzanfang wohl erg\u00e4nzen \u2013 und die aufgekl\u00e4rten Leserinnen und Leser fragen sich, was denn das Wetter mit dem leeren Teller zu tun haben soll. Nat\u00fcrlich nichts, wie mein kompetentes Publikum wohl weiss: Offenbar ein \u00dcbersetzungsfehler aus dem Plattdeutschen &#8222;Et dien T\u00f6ller leddig, dann givt dat morgen goods wedder.&#8220; Das plattdeutsche &#8222;wedder&#8220; heisst nicht &#8222;Wetter&#8220;, sondern &#8222;wieder&#8220;. Iss aus, dann gibts morgen wieder was Gutes!<\/p>\n\n\n\n<p>So einfach und so klar. Aber was lehrt uns das Beispiel \u00fcber Sprachgebrauch?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wirklich interessant an der Sache ist n\u00e4mlich nicht der \u00dcbersetzungsfehler (<a href=\"https:\/\/www.radio.ch\/play\/beitrage\/woher-kommt-der-vergleich-vom-leeren-teller-und-schonem-wetter-29155\/\">\u00fcber den Radio Z\u00fcrisee heute von mir Auskunft wollte<\/a>), sondern Folgendes:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Mit Sprache <strong>handeln<\/strong> wir: Wir erziehen mit Sprichw\u00f6rtern (<em>tja, der Ton macht die Musik, weisst du? Hopp, aus den Federn, Morgenstund hat Gold im Mund!<\/em>) oder drohen (<em>L\u00fcgen haben kurze Beine!<\/em>). Wir beschwichtigen und tr\u00f6sten: <em>Geld allein macht nicht gl\u00fccklich, die Letzten werden die Ersten sein.<\/em><\/li><li>In Sprachgebrauch ist <strong>kulturelles und gesellschaftliches Wissen codiert<\/strong>, aber auch \u00dcberzeugungen, Ideologien und Mentalit\u00e4ten. Wo die Redensart <em>&#8222;iss den Teller leer, dann ist morgen sch\u00f6nes Wetter&#8220;<\/em> verwendet wird, ist es offenbar kulturell angemessen, keine Reste auf dem Teller zu lassen. Das ist nicht \u00fcberall so \u2013\u00a0ich erinnere mich an meinen Fauxpas in Osteuropa, als Gast sch\u00f6n brav auszutrinken und auszuessen \u2013\u00a0um zuzusehen, wie der Teller und das Glas wieder aufgef\u00fcllt wurden, obwohl ich genug hatte. <br>Die Diskurs- und Kulturlinguistik erforscht dieses in Sprache codierte Wissen ganz systematisch. <\/li><li>Im Sprachgebrauch \u2013 dem ewigen Sprachspiel (Wittgenstein) \u2013\u00a0<strong>sind Missverst\u00e4ndnisse an der Tagesordnung \u2013 aber kein Problem<\/strong>. Kommunikation ist nicht einfach <em>Sender \u2013 Kanal (Nachricht) \u2013\u00a0Empf\u00e4nger<\/em>, sondern weitaus komplexer: Ein laufendes Aushandeln von Bedeutung, bei dem zwar Leute irgendwelche Intentionen hegen, im Ergebnis jedoch ein unvorhersehbares Schlamassel entsteht. Ein Schlamassel allerdings, das Zeuge der laufenden Sprachhandelsprozesse ist. Wenn die plattdeutsche Redensart in der falschen \u00dcbersetzung ein kommunikatives Bed\u00fcrfnis erf\u00fcllt, dann bew\u00e4hrt sie sich eben und bleibt erhalten.<br>Interessant dabei: Wenn etwas sprachlich gut <em>klingt<\/em>, dann tendieren wir dazu, es auch f\u00fcr wahr und wichtig zu halten. Deshalb lieben wir Sprichw\u00f6rter. Jedoch: Ein Reim ist noch kein Argument. <\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;gibt es morgen sch\u00f6nes Wetter! So w\u00fcrden wir den Satzanfang wohl erg\u00e4nzen \u2013 und die aufgekl\u00e4rten Leserinnen und Leser fragen sich, was denn das Wetter mit dem leeren Teller zu tun haben soll. 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