{"id":64,"date":"2006-10-10T19:36:00","date_gmt":"2006-10-10T19:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=64"},"modified":"2006-10-10T19:36:00","modified_gmt":"2006-10-10T19:36:00","slug":"die-argumente-lottern-nicht-die-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2006\/10\/10\/die-argumente-lottern-nicht-die-sprache\/","title":{"rendered":"Die Argumente lottern, nicht die Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte bereits darauf <a href=\"http:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wrapper.php?\/archives\/67-Sprechtaekeli-Schlussendlich-fuehrte-ich-mit-dem-Terroristen-eine-Diskussion-zu-Duden-vs.-Wahrig.html\">hingewiesen<\/a>: Der Spiegel titelte in seiner 40. Ausgabe &#8222;Rettet dem Deutsch&#8220; und &#8222;Deutsch for sale&#8220;. Kulturredaktor Mathias Schreiber behauptet, Deutsch verlottere, es werde &#8222;so schlampig gesprochen und geschrieben wie wohl nie zuvor&#8220; und an allem Schuld sei die &#8222;Mode, fast alles angels\u00e4chsisch &#8218;aufzupeppen'&#8220; (182).<\/p>\n<p>Ich g\u00e4hne. (Um es mit einem &#8222;filmtitelartigen Miniaturhauptsatz&#8220; (184) zu sagen, wo wir bei einem Nukleus des Problems der Verlotterung unserer Sprach angelangt w\u00e4ren, da wir nicht mehr f\u00e4hig seien, so Schreiber, &#8222;[l]ange, architektonisch raffiniert gebaute S\u00e4tze, wie sie bei Kleist, Thomas Mann, Thomas Bernhard, sogar noch bei dem jungen Daniel Kehlmann zu finden sind&#8220; (ebd.), zu produzieren.)<\/p>\n<p>Obwohl ich <a href=\"http:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wrapper.php?\/archives\/66-Sprachzerfall-oder-lebendige-Sprache-Oder-Warum-wir-aneinander-vorbei-reden.html\">k\u00fcrzlich<\/a> noch zu erkl\u00e4ren versuchte, warum sich Sprachwissenschaft und Nicht-Sprachwissenschaft in der Einsch\u00e4tzung von Sprachwandel \u2013 \u00e4hm: Sprachverfall \u2013 kaum einig werden k\u00f6nnen, sage ich zu diesem Artikel: Interessant \u2013 aus historischer Sicht. Fachlich und inhaltlich bietet er leider haupts\u00e4chlich langweilige Polemik. Das sehen andere \u00e4hnlich: Der <a href=\"http:\/\/wortreich.nightshift.ch\/2006-10-07\/anglizismen-alarm-ii-rettet-dem-deutsch-vor-die-angelsachsen\/\">Monarch<\/a>  bringt es auf den Punkt: Das seitenlange Wettern gegen Anglizismen f\u00e4nde er nicht so schlimm, wenn sich der Autor<\/p>\n<blockquote><p>nicht als Anh\u00e4nger adjektivbest\u00fcckter Nominalkomposita und l\u00e4ngst verblasster Sprachbilder profilieren m\u00fcsste. Wenn er also nicht so schlecht schreiben w\u00fcrde.<\/p><\/blockquote>\n<p>(&#8222;Ja eben!&#8220;, w\u00fcrde Mathias Schreiber wohl schreien, &#8222;die Jungen von heute sind sprachlich so degeneriert, dass sie diesen Ausdruck komplexer Gedankeng\u00e4nge schlicht nicht mehr verstehen!&#8220; Doch keine Angst. Wir gewieften \u2013 oh sorry: smarten, aber leider infantilisierten Sprecher (183) dieser Lottersprache striken back: K\u00f6nnten die Unterschiede der Satzl\u00e4ngen bei Mann im Vergleich zu heutigen Zeitungstexten mit der Textsorte zusammenh\u00e4ngen? Herr Schreiber, lesen Sie bei <a href=\"http:\/\/blogs.23.nu\/bubbleboy\/stories\/12986\/\">surfguard<\/a> weiter.) Ich m\u00f6chte an dieser Stelle die bereits abgehandelten Schwachstellen des Textes nicht noch blosser legen (um einen eigentlich verbotenen Komparativ zu verwenden, erst noch orthographisch schweizerisch-degenerativ ohne \u00df!), sondern auf die Kollegen verweisen: <a href=\"http:\/\/usaerklaert.wordpress.com\/2006\/10\/08\/plain-english-fur-komplizierte-deutsche\/\">Scot W. Stevenson relativiert die krude Vorstellung, Komplexit\u00e4tssteigerung gehe mit Qualit\u00e4tssteigerung einher<\/a>, <a href=\"http:\/\/abcypsilon777.blog.de\/2006\/10\/05\/abendbummel_online_freuen_sie_sich_stark~1191337\">Trithemius erteilt dem Spiegel p\u00e4dagogische Ratschl\u00e4ge<\/a>, <a href=\"http:\/\/goetheblog.se\/2006\/10\/05\/spiegel-402006\/\">nils \u00fcber fehlende Ausgewogenheit<\/a>, <a href=\"http:\/\/taz.de\/blogs\/wortistik\/2006\/10\/02\/schlumperei\/\">Detlef G\u00fcrtler \u00fcber Schlumperei und Statistik<\/a>.<\/p>\n<p>Aber etwas will mir nicht in den Kopf: Schon fast im Finale des Artikels lobt Mathias Schreiber die Herbert-Hoover-Schule, &#8222;einer Realschule mit \u00fcber 90 Prozent Migrantenanteil&#8220;, die den Nationalpreis 2006 erhalten hat. &#8222;Eltern, Sch\u00fcler und Lehrer hatten in der Schulkonferenz einstimmig beschlossen, f\u00fcr 370 Sch\u00fcler aus 15 Nationen Deutsch als verbindliche Sprache des Hauses, auch auf dem Pausenhof, festzusetzen.&#8220; (198) Das diene der Agressionsminderung und sei erfolgreiche Integrationspolitik. Wunderbar, durchaus eine interessante Idee. Nur: Was hat das mit einer &#8222;Bewegung gegen die Verlotterung des Deutschen&#8220; zu tun? Die Massnahme wirkt, weil alle die selbe Landessprache sprechen. In welchem &#8222;Zustand&#8220; diese ist, wie gross der Anglizismenanteil, wie komplex die Syntax ist, spielt \u00fcberhaupt keine Rolle. Es funktioniert selbst in konkret krass mit Ami-W\u00f6rtern durchsetztem <a href=\"http:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wrapper.php?\/archives\/66-Sprachzerfall-oder-lebendige-Sprache-Oder-Warum-wir-aneinander-vorbei-reden.html\">Balkandeutsch<\/a>.<\/p>\n<p>Der Artikel vermischt in populistischer Manier die beliebtesten Motive aktuellen Krisengeplappers: Ausl\u00e4nder, Amerikaner, EU-M\u00fcdigkeit, Spassgesellschaft. Und fr\u00fcher war alles besser. Das war schon immer so. (Welche Rolle spielen eigentlich die Terroristen?)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte bereits darauf hingewiesen: Der Spiegel titelte in seiner 40. Ausgabe &#8222;Rettet dem Deutsch&#8220; und &#8222;Deutsch for sale&#8220;. 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