{"id":62,"date":"2006-10-03T12:30:09","date_gmt":"2006-10-03T12:30:09","guid":{"rendered":"http:\/\/bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=62"},"modified":"2006-10-03T12:30:09","modified_gmt":"2006-10-03T12:30:09","slug":"sprachzerfall-oder-lebendige-sprache-oder-warum-wir-aneinander-vorbei-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2006\/10\/03\/sprachzerfall-oder-lebendige-sprache-oder-warum-wir-aneinander-vorbei-reden\/","title":{"rendered":"Sprachzerfall oder lebendige Sprache? Oder: Warum wir aneinander vorbei reden"},"content":{"rendered":"<p>Die Verluderung und Verhunzung der Sprache, die Flut der Anglizismen, das daraus resultierende &#8222;Schimpansendeutsch&#8220; oder &#8222;Denglisch&#8220; \u2013 und jetzt auch noch das: Der &#8222;<a href=\"http:\/\/www.blick.ch\/news\/schweiz\/auslaenderreport\/artikel46098\">Schul-Horror Balkan-Deutsch<\/a>&#8222;. Der Untergang der Sprache wird alle Jahre wieder angek\u00fcndigt. Und nachdem mit der <a href=\"http:\/\/www.bj.admin.ch\/ejpd\/de\/home\/dokumentation\/mi\/2006\/2006-09-24.html\">letzten Abstimmung<\/a> in der Schweiz das Thema &#8222;Migration&#8220; (wie es die einen nennen) bzw. das &#8222;Ausl\u00e4nderproblem&#8220; (wie es die anderen nennen) emotionalisiert wurde, betrieb der Blick letzte Woche Aufkl\u00e4rung mit dem grossen <a href=\"http:\/\/www.blick.ch\/news\/schweiz\/auslaenderreport?display=all\">&#8222;Ausl\u00e4nderreport&#8220;<\/a>. Und er <a href=\"http:\/\/www.blick.ch\/news\/schweiz\/auslaenderreport\/artikel46098\">kl\u00e4rte auch auf<\/a> zum Thema Sprache:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" width='450' height='110' style=\"border: 0px; padding-left: 5px; padding-right: 5px;\" src=\"\/sprechtakel\/uploads\/blick_balkandeutsch.png\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Die Kids spr\u00e4chen also heute im Balkan-Slang \u2013 und eben nicht nur jene vom Balkan, sondern auch die Schweizer, weil das Kult sei.<\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr besorgte Lehrer und Eltern ist es jedoch der blanke Horror. Sie bef\u00fcrchten eine beschr\u00e4nkte Kommunikationsf\u00e4higkeit. Oder ganz einfach mangelnde Deutschkenntnisse.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Linguistik handelt das Ph\u00e4nomen unter dem Stichwort &#8222;ethnolektales Deutsch&#8220; ab. Das Ph\u00e4nomen selber ist nicht neu: Die italienischen Einwanderer&#8230;<!--more-->&#8230;wurden fr\u00fcher ebenfalls ethnolektal karrikiert: &#8222;Giovanni scho weisse wie schweisse&#8220; etc. Und die Linguistik ist sich mehr oder weniger auch einig, dass Balkandeutsch keine Gefahr f\u00fcr &#8222;die Sprache&#8220; ist, genau so wenig wie Anglizismen, Jugendsprachen etc. Denn nat\u00fcrlich pflegt man in der Sprachwissenschaft ein anderes Sprachbild, als es die \u00d6ffentlichkeit tut:<\/p>\n<p>1. <b>Sprache ist ein offenes System<\/b>, das sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndert und st\u00e4ndig ver\u00e4ndern muss.<br \/>2. <b>Sprechen dient unterschiedlichen Zwecken<\/b> in unterschiedlichen Situationen. Es gibt also nicht &#8222;die Sprache&#8220;, sondern ganz unterschiedliche sprachliche Mittel, die von den Sprecherinnen und Sprechern eingesetzt werden k\u00f6nnen. Fluchen ist nicht eine Fehlfunktion von Sprache, h\u00f6chstens ein etwas wagemutiges Unterfangen, wenn es w\u00e4hrend des Heiratsantrags praktiziert wird.<br \/>3. <b>Bedeutungen sind nicht fest an W\u00f6rter gekoppelt<\/b>, sondern die Bedeutung ergibt sich immer wieder neu aus dem Sprechen heraus. Bedeutungswandel ist damit vorprogrammiert.<\/p>\n<p>Interessant ist nun, dass Linguistik und \u00d6ffentlichkeit permanent aneinander vorbei reden. Denn diese Sicht von Sprache, wie oben skizziert, f\u00e4llt auf keinen fruchtbaren Boden. Doch das ist nicht weiter verwunderlich, denn als Sprecher einer Sprache fordere ich von ihr ganz anderes:<\/p>\n<p>1. <b>Identit\u00e4t:<\/b> Ich spreche <i>so<\/i>, also bin ich. Wenn ich das Gef\u00fchl habe, die Sprache ver\u00e4ndert sich, finde ich das doch etwas unangenehm. Denn ich will so bleiben, wie ich bin.<br \/>2. <b>Geborgenheit:<\/b> Ich spreche <i>so<\/i>, wie die sprechen, zu denen ich geh\u00f6ren m\u00f6chte. Das gibt mir das Gef\u00fchl des Dazugeh\u00f6rens. Und wenn die pl\u00f6tzlich anders sprechen?<br \/>3. <b>Abgrenzung:<\/b> Ich spreche ganz sicher nicht <i>so<\/i>, wie die Doofen. Deshalb muss ich auch immer betonen, wie doof die Doofen sprechen. Gleichzeitig habe ich Angst, dass meine Verb\u00fcndeten auch pl\u00f6tzlich beginnen, doofe Vokabeln zu benutzen. Was dann?<\/p>\n<p>Das Sprechen \u00fcber Sprache l\u00e4uft also je nach eigener Position in der Gesellschaft jeweils ganz anders ab. J\u00fcrgen Spitzm\u00fcller hat <a href=\"http:\/\/www.degruyter.com\/rs\/bookSingle.cfm?id=IS-3110184583-1&#038;l=D\">ein Buch<\/a> dazu geschrieben, das genau das am Beispiel der Diskussion um Anglizismen beschreibt. Und er tut dies \u2013 nota bene als Linguist in einem Fachbuch \u2013 so, dass es auch Nicht-LinguistInnen verstehen. Wenn wir mehr dar\u00fcber nachdenken w\u00fcrden, warum wir wie \u00fcber Sprache sprechen, w\u00fcrden wir sowohl h\u00fcben wie dr\u00fcben gewinnbringender sprechen, nicht nur \u00fcber Sprache.<\/p>\n<div style=\"font-size:x-small\"><b>Literatur und Links:<\/b><br \/>\nSpitzm\u00fcller, J\u00fcrgen: <a href=\"http:\/\/www.degruyter.com\/rs\/bookSingle.cfm?id=IS-3110184583-1&#038;l=D\">Metasprachdiskurse. Einstellungen zu Anglizismen und ihre wissenschaftliche Rezeption.<\/a> Juni 2005. ISBN 3-11-018458-3<br \/>\nD\u00fcrscheid, Christa\/Spitzm\u00fcller, J\u00fcrgen (Hrsg.): <a href=\"http:\/\/www.nzz-libro.ch\/de\/detail.php?up_oberKatNr=5&#038;up_katNr=5&#038;up_oberArtikelNr=368\">Zwischent\u00f6ne. Zur Sprache der Jugend in der Deutschschweiz.<\/a> 2006. ISBN 3-03823-226-2.<br \/>\nLeis, Sandra: <a href=\"http:\/\/194.209.226.170\/pdfarchiv\/bund\/2005\/11\/19\/27115Kultur20051119_1.pdf\">\u00abTue mi nid produziere, Mann!\u00bb.<\/a> Der Bund, 19. November 2005, S. 15.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.so-hofwil.ch\/hofwil\/hofwil_in_den_medien\/03.php\">Balkan-Slang in der Jugendsprache, wenn Inl\u00e4nder wie Ausl\u00e4nder klingen.<\/a> Berner Zeitung, 29. November 2000.<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verluderung und Verhunzung der Sprache, die Flut der Anglizismen, das daraus resultierende &#8222;Schimpansendeutsch&#8220; oder &#8222;Denglisch&#8220; \u2013 und jetzt auch noch das: Der &#8222;Schul-Horror Balkan-Deutsch&#8222;. Der Untergang der Sprache wird alle Jahre wieder angek\u00fcndigt. Und nachdem mit der letzten Abstimmung &hellip; <a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2006\/10\/03\/sprachzerfall-oder-lebendige-sprache-oder-warum-wir-aneinander-vorbei-reden\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-62","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-3-sprechtakel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}