{"id":618,"date":"2018-07-02T16:48:07","date_gmt":"2018-07-02T14:48:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=618"},"modified":"2023-02-10T15:36:10","modified_gmt":"2023-02-10T14:36:10","slug":"14-000-geburtsberichte-im-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2018\/07\/02\/14-000-geburtsberichte-im-raum\/","title":{"rendered":"14.000 Geburtsberichte im Raum"},"content":{"rendered":"<p>Die Interaktionsdesignerin <a href=\"http:\/\/nadineprigann.de\">Nadine Prigann<\/a> interessierte sich f\u00fcr die Frage, wie Sprachdaten interaktiv visualisiert werden k\u00f6nnen. Daraus ist ihre BA-Arbeit &#8222;<a href=\"http:\/\/nadineprigann.de\/explorativespatialanalysis.html\">Explorative Spatial Analysis<\/a>&#8220; an der <a href=\"https:\/\/www.zhdk.ch\/\">Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste<\/a>\u00a0entstanden, die auf <a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2017\/02\/19\/die-serielle-singularitaet-vierzehntausend-geburtsgeschichten\/\">meinen Analysen zu den 14.000 Geburtsberichten<\/a> beruht, in denen M\u00fctter in Online-Foren \u00fcber die Geburten ihrer Kinder erz\u00e4hlen.<\/p>\n<div id=\"attachment_619\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2018\/07\/02\/14-000-geburtsberichte-im-raum\/eplorative-spatial-analysis\/\" rel=\"attachment wp-att-619\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-619\" class=\"wp-image-619 size-full\" src=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/prigann_esa_03.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/prigann_esa_03.jpg 1000w, https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/prigann_esa_03-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/prigann_esa_03-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-619\" class=\"wp-caption-text\">Aus der Arbeit &#8222;Explorative Spatial Analysis&#8220; von Nadine Prigann (Foto zvg)<\/p><\/div>\n<p>In einigen Diskussionen sind wir zu interessanten Einsichten zu Daten, Datentransformationen und Lekt\u00fcre gelangt. <!--more-->Ausgangspunkt waren meine Berechnungen von typischen narrativen Mustern in den Geburtsberichten (<a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2017\/02\/19\/die-serielle-singularitaet-vierzehntausend-geburtsgeschichten\/\">Blogbeitrag<\/a>, <a href=\"https:\/\/rdcu.be\/L303\">Publikation in der Zeitschrift LiLi<\/a>). Diese bestehen aus n-Grammen (Mehrworteinheiten) und deren typische Positionen in den Geschichten. Dazu erstellte ich auch verschiedene Visualisierungen, die der Exploration der Daten dienten:<\/p>\n<div id=\"attachment_584\" style=\"width: 1581px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2017\/02\/19\/die-serielle-singularitaet-vierzehntausend-geburtsgeschichten\/geburtsberichte_plot01_uebersicht\/\" rel=\"attachment wp-att-584\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-584\" class=\"wp-image-584 size-full\" src=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/geburtsberichte_plot01_uebersicht.png\" alt=\"\" width=\"1571\" height=\"873\" srcset=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/geburtsberichte_plot01_uebersicht.png 1571w, https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/geburtsberichte_plot01_uebersicht-300x167.png 300w, https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/geburtsberichte_plot01_uebersicht-768x427.png 768w, https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/geburtsberichte_plot01_uebersicht-1024x569.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1571px) 100vw, 1571px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-584\" class=\"wp-caption-text\">Explorative Visualisierung der typischen n-Grammen in den <a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2017\/02\/19\/die-serielle-singularitaet-vierzehntausend-geburtsgeschichten\/\">Geburtsberichten<\/a><\/p><\/div>\n<p>Durch Nadine Priganns Lekt\u00fcre der Daten entstand eine neue Umsetzung als Installation im Raum. Ein Video gibt die Installation am besten wieder:<\/p>\n<div style=\"width: 640px;\" class=\"wp-video\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('video');<\/script><![endif]-->\n<video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-618-1\" width=\"640\" height=\"360\" preload=\"metadata\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/mp4\" src=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/publikationen\/geburtsberichte\/GeburtsberichtePrigannInstallation.mp4?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/publikationen\/geburtsberichte\/GeburtsberichtePrigannInstallation.mp4\">https:\/\/www.bubenhofer.com\/publikationen\/geburtsberichte\/GeburtsberichtePrigannInstallation.mp4<\/a><\/video><\/div>\n<h2>Ambientsound<\/h2>\n<p>Als ich den Raum betrat, nahm ich zun\u00e4chst die zahlreichen roten Acrylglasplatten wahr \u2013 und parallel dazu den Hintergrundsound, ein typischer digitaler Ambientsound, der zusammen mit dem beherrschenden Rot in eigenartigem Gegensatz steht zum Thema, das die Daten repr\u00e4sentieren: Der Schmerz und die Intensit\u00e4t des Erlebnisses Geburt.<\/p>\n<p>Die Acrylglasplatten sind an Neonf\u00e4den aufgeh\u00e4ngt. Sie stehen f\u00fcr die n-Gramme und die H\u00f6he im Raum repr\u00e4sentiert deren Frequenz. Sie Platten sind ebenfalls auf den Achsen <em>Fortgang der Geschichte<\/em> und <em>Cluster\u00e4hnlichkeit<\/em> im Raum angeordnet; die drei Achsen x, y und z (= H\u00e4ufigkeit) sind also in einen realen Raum \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ergeben sich durch die Beleuchtung der Platten aber Farbreflexionen auf dem Boden, wobei die h\u00e4ufigeren, also weiter oben h\u00e4ngenden Platten eine gr\u00f6\u00dfere Reflexion auf dem Boden produzieren. Damit wird ein Effekt der Dimensionsreduktion von 3D auf 2D erfahrbar.<\/p>\n<h2>Computerstimme<\/h2>\n<div id=\"attachment_621\" style=\"width: 360px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2018\/07\/02\/14-000-geburtsberichte-im-raum\/eplorative-spatial-analysis-2\/\" rel=\"attachment wp-att-621\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-621\" class=\"wp-image-621\" src=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/prigann_esa_04-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/prigann_esa_04-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/prigann_esa_04.jpg 667w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-621\" class=\"wp-caption-text\">Aus der Arbeit &#8222;Explorative Spatial Analysis&#8220; von Nadine Prigann (Foto zvg)<\/p><\/div>\n<p>Man kann sich nun durch die Installation hindurch bewegen und nimmt bei den jeweiligen Clustern eine Computerstimme wahr, die die n-Gramme vorliest. Hier kommt nun der krasse Gegensatz zwischen Ambient-Hintergrundsound, Text (z.B. &#8222;hielt es nicht mehr aus&#8220;, &#8222;legte mir auf den Bauch&#8220; etc.) und der n\u00fcchtern-maschinellen Computerstimme zum tragen. Diese Diskrepanz l\u00f6st dann wohl im besten Fall eine Reflexion \u00fcber Erlebnis, Daten und statistische Berechnung aus, wie ich es mit dem Ausdruck &#8222;Serialit\u00e4t der Singularit\u00e4t&#8220; als Titel <a href=\"https:\/\/rdcu.be\/L303\">meines Beitrags<\/a> ausdr\u00fccken wollte.<\/p>\n<p>Die Installation war w\u00e4hrend etwa zweier Wochen ausgestellt und Nadine Prigann erz\u00e4hlte mir auch von den Reaktionen der Besucher_innen. Offensichtlich verstanden die meisten, dass es &#8222;irgendwie um Daten geht&#8220;. Die Installation nimmt ja die Grundfigur des Streudiagramms auf, eigentlich eine au\u00dferhalb der Wissenschaft eher seltenere Diagrammform. Doch die massenhaft wiederkehrende Grundform des Quadrates wird wohl schematisch gelesen und so ist der Weg zum Diagramm naheliegend.<\/p>\n<h2>Lekt\u00fcre<\/h2>\n<p>F\u00fcr mich ist an der Arbeit von Nadine Prigann ein weiterer Aspekt interessant: In meinem Text &#8222;Wenn &#8218;Linguistik&#8216; in &#8218;Korpuslinguistik&#8216; bedeutungslos wird. Vier Thesen zur Zukunft der Korpuslinguistik&#8220; im aktuellen <a href=\"https:\/\/uvrr.de\/osnabruecker-beitraege-obst\/obst-92-korpuslinguistik.html\">OBST-Band zu Korpuslinguistik<\/a>\u00a0stellte ich die unter anderem folgende zwei aufeinander aufbauenden Thesen auf:<\/p>\n<blockquote><p><strong>These 2: Bei der quantitativen Analyse von Sprache droht die Linguistik bedeutungslos zu werden<\/strong><\/p>\n<p><strong>These 3: Um der Bedeutungslosigkeit zu entgehen, sind\u00a0zwei Dinge wichtig: Linguistische Theorie und die hermeneutische Deutung der Ergebnisse quantitativer Analysen<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>These 2 thematisiert, dass noch nie so viele Menschen damit besch\u00e4ftigt waren, um Sprache zu analysieren und zu prozessieren, wenn man an die zahlreichen Anwendungen um Text Mining, Information Retrieval, maschinelles \u00dcbersetzen etc. denkt. Allerdings sind dabei linguistische Theorien mehr oder weniger bedeutungslos.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Aspekt, um dem etwas entgegenzuhalten, ist jedoch die geisteswissenschaftliche Tradition der Lekt\u00fcre stark zu machen und auf Ergebnisse von Datenanalysen anzuwenden. Denn in der utilitaristischen Denkweise des Text Minings (und verwandter Anwendungen) sind Datenanalysen nur Mittel zum Zweck, um damit ein Tool zu erm\u00f6glichen, das eine Aufgabe gut l\u00f6st. Wenn die Aufgabe gut gel\u00f6st wird, ist die Datenanalyse nicht mehr interessant. Um jedoch zu verstehen, was maschinelle Verarbeitung von Sprachdaten macht, von welchen Pr\u00e4missen sie ausgeht, von welchen Modellen von Sprache, m\u00fcssen solche Analyeergebnisse genauso gelesen und gedeutet werden, wie das in philologischer Tradition gemacht wird. Dies zwar mitunter mit anderen Methoden und Erkenntnisinteressen, aber ein Analyseergebnis ist nichts weiter als ein weiterer Text.<\/p>\n<p>F\u00fcr Nadine Prigann waren meine Daten auch ein Text, den sie einer eigenen Logik unterzogen und neu interpretiert (mit Ludwig J\u00e4ger k\u00f6nnte man sagen: <em>transkribiert<\/em>) hat. Diese Logik ist eine des Interaktionsdesigns, der \u00c4sthetik, des Erlebnisses, der Verk\u00f6rperlichung. Es ist nicht die richtigere Visualisierung, sondern eine neue Deutung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Interaktionsdesignerin Nadine Prigann interessierte sich f\u00fcr die Frage, wie Sprachdaten interaktiv visualisiert werden k\u00f6nnen. 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