{"id":55,"date":"2006-08-12T13:17:00","date_gmt":"2006-08-12T13:17:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=55"},"modified":"2006-08-12T13:17:00","modified_gmt":"2006-08-12T13:17:00","slug":"der-alte-knacker-und-die-junge-tussi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2006\/08\/12\/der-alte-knacker-und-die-junge-tussi\/","title":{"rendered":"Der alte Knacker und die junge Tussi"},"content":{"rendered":"<p>Wenn der NZZ ein Thema zu unwichtig scheint, zu unernst, zu unseri\u00f6s, dann verbannt sie es manchmal nicht g\u00e4nzlich aus dem Blatt, sondern weist es in die Schranken der Rubrik &#8222;Nebenbei notiert&#8220; oder &#8222;Aufgefallen&#8220;. So f\u00fchlte sich <i>brh<\/i> bem\u00fcssigt (NZZ vom 11. August, S. 51, kostenpflichtig) eine Antwort in globo auf die &#8222;in sch\u00f6ner Regelm\u00e4ssigkeit&#8220; hereinflatternden Leserbriefe zu geben, die alle auf eine Kurzmeldung<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Mehr Betten f\u00fcr Alte in Wetzikon&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>vom 7. August Bezug nehmen.<\/p>\n<p>Anscheinend f\u00fchlten sich eine gr\u00f6ssere Zahl von \u00e4lteren Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger durch das &#8222;Alte&#8220; in diesem Titel beleidigt. Man m\u00f6ge sie &#8222;Seniorinnen&#8220; und &#8222;Senioren&#8220; nennen, nicht &#8222;Alte&#8220;. Das l\u00e4sst die NZZ nat\u00fcrlich nicht auf sich sitzen und schreitet zum Gegenschlag:<\/p>\n<blockquote><p>Die Frage stellt sich nun: Was ist denn, inhaltlich gedacht, der Unterschied zwischen Senioren und Alten?<\/p><\/blockquote>\n<p>Da str\u00e4uben sich mir nat\u00fcrlich die Nackenhaare: &#8222;Inhaltlich gedacht&#8220;! Wenn Sprache so einfach w\u00e4re. Was, bittesch\u00f6n, ist denn &#8222;inhaltlich gedacht&#8220; der Unterschied zwischen &#8222;Polizist&#8220; und &#8222;Bulle&#8220;? Zwischen &#8222;Moneten&#8220; und &#8222;Geld&#8220;? Zwischen &#8222;Tussi&#8220; und &#8222;junge Frau&#8220;? <i>Eigentlich<\/i> gibt&#8217;s da ja auch keinen Unterschied, oder? Probieren Sie das mal aus, wenn sie das n\u00e4chste Mal mit Ihrer Bank telefonieren: <b>&#8222;Guten Tag. Ich h\u00e4tte gerne eine Auskunft zu meinem Konto: Die Tussi am Bankschalter sagte mir k\u00fcrzlich, ich k\u00f6nne meine Moneten besser anlegen, als ich es momentan mache. Was schlagen Sie mir vor?&#8220;<\/b>. Wenn Sie das h\u00e4ufig machen, holen Sie mal noch die Bullen wegen Ehrverletzung!<\/p>\n<p>Die Bedeutung der W\u00f6rter \u2013 um Wittgenstein zu zitieren \u2013 liegt in ihrem <i>Gebrauch<\/i>. Vielleicht kommen einmal Zeiten, in denen &#8222;Tussi&#8220; ohne negative Konnotationen im Sinne von &#8222;junge Frau&#8220; verwendet werden kann. Das sind normale Prozesse des Sprachwandels. Die Bedeutung der W\u00f6rter ist nicht ein f\u00fcr alle mal fest \u2013 und selten logisch. Doch auch davon geht der Artikel aus: <\/p>\n<blockquote><p>Und wenn das Wort alt verp\u00f6nt sein sollte, muss dann konsequenterweise auch jung aus dem Vokabular gestrichen werden? Weil jung m\u00f6glicherweise ebenfalls f\u00fcr &#8222;Liebloses&#8220;, &#8222;Unanst\u00e4ndiges&#8220; stehen k\u00f6nnte (faul, frech, konsums\u00fcchtig, laut usw.)?<\/p><\/blockquote>\n<p>Tja, so einfach ist es nicht: In den meisten Kontexten ist &#8222;jung&#8220; eher positiv konnotiert, &#8222;alt&#8220; eher negativ (&#8222;Der ist halt schon alt&#8230;&#8220; vs. &#8222;Eine junge, sympathische Frau!&#8220;). Doch nicht immer: &#8222;Diese Party ist wirklich scheisse; all dieses junge Volk&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Aber die NZZ gibt sich unbeirrt:<\/p>\n<blockquote><p>Alt ist unbestrittenermassen das Gegenteil von jung, es gibt Alte und Junge, Junge werden alt, die Alten waren fr\u00fcher einmal jung. So ist der Lauf des menschlichen Lebens. Soll man k\u00fcnftig nur noch von Junioren schreiben d\u00fcrfen, die eine Lehrstelle suchen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Nein, &#8222;alt&#8220; ist <b>nicht<\/b> unbestrittenermassen das Gegenteil von &#8222;jung&#8220;! Manchmal schon, aber nicht immer: junger Anf\u00e4nger\/erfahrener Arbeiter, alter K\u00e4se\/frischer K\u00e4se. Und wenn, dann nur bez\u00fcglich des Gemeinten (des Denotats), nicht aber bez\u00fcglich der Konnotation: &#8222;Die Jungen sind unsere Hoffnung!&#8220; vs. &#8222;Die Alten sollen jetzt endlich abtreten!&#8220;.<\/p>\n<p>Der Sprachgebrauch richtet sich selten nach den W\u00f6rterb\u00fcchern und unseren logischen Ableitungen davon. Und so konnte die NZZ vielleicht fr\u00fcher durchaus von den &#8222;Alten&#8220; schreiben \u2013 heute ist das offensichtlich problematisch. Doch die NZZ, diese alte Tante, ist halt auch nicht immer auf der H\u00f6he der Zeit!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der NZZ ein Thema zu unwichtig scheint, zu unernst, zu unseri\u00f6s, dann verbannt sie es manchmal nicht g\u00e4nzlich aus dem Blatt, sondern weist es in die Schranken der Rubrik &#8222;Nebenbei notiert&#8220; oder &#8222;Aufgefallen&#8220;. 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