{"id":27,"date":"2006-03-02T09:56:00","date_gmt":"2006-03-02T09:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=27"},"modified":"2006-03-02T09:56:00","modified_gmt":"2006-03-02T09:56:00","slug":"kernige-schweizer-und-geleckte-brandenburger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2006\/03\/02\/kernige-schweizer-und-geleckte-brandenburger\/","title":{"rendered":"Kernige Schweizer und geleckte Brandenburger"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich habe ich wieder mal eine E-Mail von einer Bekannten erhalten. Das ist nat\u00fcrlich sch\u00f6n. \u00dcber den Inhalt m\u00f6chte ich nicht sprechen, aber \u00fcber die Form. Genauer: Die Sprache.<\/p>\n<p>Die E-Mail war auf Schweizerdeutsch verfasst. Ich antwortete im hochdeutschen Standard. Sie antwortete schweizerdeutsch. Ich antwortete hochdeutsch. Sie schrieb wieder schweizerdeutsch. Ich dachte: He, das ist linguistisch interessant! Und fragte sie ein paar Sachen. Unter anderem: &#8222;schreibst du e-mails gr\u00f6sstenteils schweizerdeutsch oder hochdeutsch?&#8220; Und sie&#8230;<!--more-->&#8230;schrieb: <\/p>\n<blockquote><p>jo, die meiste private emails schrieb i uf schwizerd\u00fctsch&#8230; halt so, wie&#8217;s mir grad in sinn chunt  \ud83d\ude42  i s\u00e4g mol es sind \u00f6pp\u00e4 70% vo mine private emails uf schwizerd\u00fctsch, chunt halt au immer chli druf a, wem is schriebe&#8230; l\u00fct, wo i weniger guet kenn, denen schrieb i uf hochd\u00fctsch, oder halt immer, wenns &#8222;gsch\u00e4ftlich&#8220; oder \u00e4 afrog betrifft&#8230; d\u00e4 guete kollege, schrieb i uf schwizerd\u00fctsch&#8230;<br \/>(&#8230;)<br \/>vo dene mails wo i privat \u00fcberchume, sind ungef\u00e4hr 80% uf schwizerd\u00fctsch gschriebe&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p> Damit ist sie nat\u00fcrlich keine Ausnahme. Wie meine kleine Umfrage zeigen sollte, die am rechten Rand oben l\u00e4uft. Doch die l\u00e4uft noch nicht so ganz, deshalb jetzt der Befehl: Abstimmen! Bitte beantworten Sie die nebenstehende Frage nach Ihrem pers\u00f6nlichen Schweizerdeutsch-Gebrauch!<\/p>\n<p>Danke.<\/p>\n<p>Doch die Antwort oben von S. mach hellh\u00f6rig. Warum schreiben so viele E-Mails und nat\u00fcrlich SMS in der Schweiz auf Schweizerdeutsch? Immerhin spricht man zwar in der Schweiz Schweizerdeutsch, schreibt normalerweise jedoch Standard.<\/p>\n<p>Dazu ein kleiner historischer Exkurs. Im Jahre 1774 &#8211; in den deutschsprachigen Regionen Europas war ein erbitterter Streit dar\u00fcber im Gange, wer das beste Deutsch spricht, das als Grundlage f\u00fcr ein standardisiertes Hochdeutsch verwendet werden soll &#8211; liest man in der &#8222;Deutschen Chronik&#8220; die Eindr\u00fccke eines &#8222;reisenden Gelehrten&#8220;, die er von Z\u00fcrich mitnahm: <\/p>\n<blockquote><p>Ich habe zu meinem Erstaunen auch gro\u00dfe Bibliotheken bey Privatpersonen angetroffen, in der Stadt und auf dem Lande. Die franz\u00f6sische Literatur ist beynahe blo\u00df ein Eigenthum der Schmetterlingswelt. M\u00e4nner lesen griechisch, englisch und deutsch. Letzteres schreiben sie so k\u00f6rnicht, so antik, da\u00df ich Schweizerdeutsch noch immer dem franz\u00f6sirenden Sachsendeutsch und der geleckten Brandenburgersprache vorziehe.<br \/><i>Deutsche Chronik, 1774, S. 219, zitiert nach: <a href=\"http:\/\/www.ds.unizh.ch\/scharloth\/publikation.htm\">Joachim Scharloth: Sprachnormen und Mentalit\u00e4ten.<\/a> Sprachbewusstseinsgeschichte in Deutschland im Zeitraum von 1766-1785. Niemeyer: T\u00fcbingen, 2005. S. 2.<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> Diese Stimme soll daf\u00fcr pl\u00e4dieren, die damals im S\u00fcden des deutschsprachigen Gebiets gebr\u00e4uchlichen Sprachvariet\u00e4ten zum Mass aller Dinge zu machen, denn diese seien die Sprachvariet\u00e4ten, die von &#8222;richtigen M\u00e4nnern&#8220; (im Gegensatz zu den flatterhaften, der letzten, franz\u00f6sischen, Mode nacheifernden &#8222;Schmetterlingswelt&#8220;) gesprochen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Franz\u00f6sisch war damals im Norden beliebt, so dass damals alle die Fremdw\u00f6rter ins Deutsche einflossen, die wir heute noch brauchen. Und der Unmut darob war im S\u00fcden gross, wie das obere Zitat andeutet. Ein Streit um kulturelle Identit\u00e4ten: Deutschfranzose gegen Bodenst\u00e4ndigkeit. Heute sind es die &#8222;Anglizismen&#8220;, die im Deutschen <a href=\"http:\/\/www.vds-ev.de\/\">Stein des Anstosses<\/a> sind (dazu ein andermal mehr).<\/p>\n<p>Und 230 Jahre sp\u00e4ter? Die Renaissance des Schweizerdeutschen als emotionalere, n\u00e4here und kernigere Sprache gegen ein hochn\u00e4siges Hochdeutsch? Kampf um kulturelle Identit\u00e4ten oder ein <a href=\"http:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/wrapper.php?\/archives\/23-Die-Schweiz-und-das-Deutsche.html\">schlichter Hochdeutschkomplex<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich habe ich wieder mal eine E-Mail von einer Bekannten erhalten. Das ist nat\u00fcrlich sch\u00f6n. \u00dcber den Inhalt m\u00f6chte ich nicht sprechen, aber \u00fcber die Form. Genauer: Die Sprache. Die E-Mail war auf Schweizerdeutsch verfasst. 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