{"id":22,"date":"2006-02-13T21:36:00","date_gmt":"2006-02-13T21:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=22"},"modified":"2006-02-13T21:36:00","modified_gmt":"2006-02-13T21:36:00","slug":"die-schweiz-und-das-deutsche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2006\/02\/13\/die-schweiz-und-das-deutsche\/","title":{"rendered":"Die Schweiz und das Deutsche"},"content":{"rendered":"<p>Man liest wieder <a href=\"http:\/\/www.swissinfo.org\/sde\/swissinfo.html?siteSect=107&#038;sid=6396893&#038;cKey=1137769005000\">allenthalben<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.letemps.ch\/template\/recherche.asp?page=rechercher&#038;contenuPage=afficheArticle&#038;edition=&#038;rubrique=\">allenthalben<\/a> von den Schwierigkeiten der Schweizerinnen und Schweizer mit der deutschen Sprache. Mathieu von Rohr beklagt im <a href=\"http:\/\/www.dasmagazin.ch\/magazin\/index.html\">Magazin Nr. 6<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Fremdsprache Deutsch. Die Deutschschweizer entfremden sich vom Hochdeutschen und verkriechen sich im Dialekt. Helfen kann nur der Psychiater.<br \/><i>Das Magazin, Nr. 6, S. 14\/15<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> In der Tat: Wahrscheinlich wurde noch nie so viel Schweizerdeutsch <b>geschrieben<\/b> wie heute.<!--more-->Eine Untersuchung des Linguisten Joachim Scharloth ergab<\/p>\n<blockquote><p>dass bereits 58% der Deutschschweizer ihre E-Mails teilweise in Schweizerdeutsch verfassen; bei SMS liegt diese Quote sogar bei 75%.<br \/><i><a href=\"http:\/\/www.inst.at\/trans\/15Nr\/06_1\/scharloth15.htm\">Scharloth 2005<\/a><\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Was zeigt uns das? Die meisten Deutschschweizerinnen und -schweizer empfinden &#8222;Hochdeutsch&#8220; als Fremdsprache, die man lernen muss, und trotzdem nie so gut sprechen kann, wie die Deutschen. Dieses Verquere Verst\u00e4ndnis des deutschen Standards zeigt sich auch in der Bezeichnung dieser Sprache: <b>Schriftdeutsch<\/b>. Dass man dieses Unding von Sprache auch mit Lust zum Sprechen verwenden k\u00f6nnte, scheint uns unm\u00f6glich. (Achten Sie mal darauf, wie sie den folgenden Satz aussprechen w\u00fcrden: &#8222;Hier haben Sie einmal einen Kaffee!&#8220; Als Schweizerin oder Schweizer lesen sie den wahrscheinlich so, wie er da steht. N\u00f6rdlich des Rheins t\u00f6nt das aber eher so: &#8222;Hier-hamsemal-nen-Kaffee!&#8220;)<\/p>\n<p>Wir Schweizerinnen und Schweizer haben einen Hochdeutschkomplex. Die bereits oben zitierte Untersuchung von Joachim Scharloth (2005) zeigt n\u00e4mlich, dass wir zwar finden, das Schweizer Hochdeutsch unterscheide sich vom deutschl\u00e4ndischen Standard, jedoch letzteren mit h\u00f6herem Prestige verbinden und so schweizerische Varianten als missgl\u00fcckten Standard betrachten.<\/p>\n<p>Stattdessen k\u00f6nnten wir das machen, wass die Bayern, Schwaben, Hessen, K\u00f6lner, Sachsen etc. ebenfalls machen: Neben dem Dialekt einen (hochdeutschen) Standard verwenden, bei dem gewisse Abweichungen v\u00f6llig normal sind, und damit nicht gegen\u00fcber einem imaginierten &#8222;h\u00f6heren&#8220; Standard minderwertig ist. Oder in den Worten von Joachim Scharloth:<\/p>\n<blockquote><p>(1) In einem Staat muss eine von der Norm anderer Sprachgemeinschaften abweichende Gebrauchsnorm existieren (Ebene des Sprachgebrauchs). <\/p>\n<p>(2) Diese Gebrauchsnorm muss durch Kodizes zu einem nationalen Standard erhoben werden (Ebene der Normsetzung). <\/p>\n<p>(3) Schlie\u00dflich muss ein Bewusstsein davon existieren, dass jedes nationale Zentrum eine je gleichberechtigte Variante der Standardvariet\u00e4t besitzt (Ebene des Sprachbewusstseins). <\/p>\n<p>Das Beispiel der Schweiz zeigt, dass die weithin als fremd empfundene deutschl\u00e4ndische Standardsprache zwar als Prestigevariet\u00e4t fungiert, Deutschschweizer aber im Bewusstsein leben, diese Variet\u00e4t wie eine Fremdsprache erlernen und pflegen zu m\u00fcssen. Weil ihr Sprachgebrauch aber faktisch von der deutschl\u00e4ndischen Standardnorm abweicht, setzt sich die \u00dcberzeugung durch, nicht richtig Hochdeutsch zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine wesentliche Bedingung daf\u00fcr, dass schweizerhochdeutsche Varianten das Stigma verlieren, schlechtes oder gar fehlerhaftes Hochdeutsch zu sein, w\u00e4re demnach ein Plurizentrizit\u00e4tsbewusstsein.<br \/><i><a href=\"http:\/\/www.inst.at\/trans\/15Nr\/06_1\/scharloth15.htm\">Scharloth 2005<\/a><\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Na dann: Bestellen Sie doch ihr Bier mal auf Standard! Und ja, sie d\u00fcrfen dem Ding ruhig &#8222;Stange&#8220; sagen&#8230;<\/p>\n<p><span style=\"font-size:x-small\">Scharloth, Joachim (2005): <a href=\"http:\/\/www.inst.at\/trans\/15Nr\/06_1\/scharloth15.htm\">Zwischen Fremdsprache und nationaler Variet\u00e4t.<\/a> Untersuchungen zum Plurizentrizit\u00e4tsbewusstsein der Deutschschweizer. In: Rudolf Muhr (Hrsg.): Standardvariationen und Sprachideologien in verschiedenen Sprachkulturen der Welt \/ Standard Variations and Language Ideologies in Different Language Cultures around the World. Frankfurt am Main u.a.: Lang. S. 21-44.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man liest wieder allenthalben und allenthalben von den Schwierigkeiten der Schweizerinnen und Schweizer mit der deutschen Sprache. Mathieu von Rohr beklagt im Magazin Nr. 6: Fremdsprache Deutsch. Die Deutschschweizer entfremden sich vom Hochdeutschen und verkriechen sich im Dialekt. 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