{"id":20,"date":"2006-02-06T15:33:48","date_gmt":"2006-02-06T15:33:48","guid":{"rendered":"http:\/\/bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=20"},"modified":"2006-02-06T15:33:48","modified_gmt":"2006-02-06T15:33:48","slug":"man-liest-sich-gern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2006\/02\/06\/man-liest-sich-gern\/","title":{"rendered":"Man liest sich gern"},"content":{"rendered":"<p>Eine besondere Lekt\u00fcre war das: Letzten Donnerstag las ich in der NZZ im Protokoll der Sitzung des Z\u00fcrcher Gemeinderats. Neben anderen Gesch\u00e4ften behandelte dieser die Frage, wie denn seine Sitzungen protokolliert werden sollten. Es lag ein Vorschlag auf dem Tisch, eine 50%-Stelle daf\u00fcr zu schaffen: Es solle jemand eingestellt werden, der Tonaufzeichnungen der Sitzungen transkribiert, wie das im Berner Stadtparlament bereits erfolgreich gemacht w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Warum das alles? Weite Teile des Parlaments sind mit den bisherigen Protokollen nicht zufrieden. Es handelt sich dabei mehr oder weniger um Beschlussprotokolle, in der die schmucke Rhetorik der Reden zu wenig gew\u00fcrdigt w\u00fcrde. Deshalb: <\/p>\n<blockquote><p><i>Christoph Hug<\/i> gp. erl\u00e4utert den Mehrheitsantrag zum Thema Protokollierung. Der Gemeinderat hat ein Protokoll, das man aber nicht wirklich als solches bezeichnen kann. Die politischen Diskussionen, die zu den Beschl\u00fcssen f\u00fchren, fehlen dort. Wir schlagen ein substanzielles Protokoll vor. (&#8230;) Ich habe (&#8230;) das sogenannte Berner Modell studiert. (&#8230;) Die Ratssitzungen werden substanziell protokolliert. W\u00e4hrend der Sitzung l\u00e4uft ein Tonband. Die Voten werden danach mit Hilfe des Tonbands aufgeschrieben. Der Gesamtaufwand betr\u00e4gt 50 Stellenprozente, die Arbeit wird von Studenten erledigt.<br \/><i>Aus dem Protokoll der NZZ vom 2. Februar 2006, S. 59<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> &#8222;Aber&#8220;, bin ich versucht den Debattierenden zuzurufen, &#8222;es gibt doch da nochwas! Das, was ich jetzt gerade lese! Das NZZ-Protokoll!&#8220; Und da, sie haben mich erh\u00f6rt: <\/p>\n<blockquote><p><i>Balthasar Gl\u00e4ttli<\/i> (gp.) ist befremdet davon, dass es noch Ratsmitglieder gibt, die glauben, es handle sich bei den Verhandlungen des Rats um Peanuts. Das Protokoll zu machen, darf nicht Aufgabe der Medien sein. Es gibt zwar ein Mini-Protokoll der NZZ. Da fehlen manchmal aber Voten, es hat Fehler oder es sind nur die S\u00e4tze der Voten aufgef\u00fchrt, welche der Journalist f\u00fcr wichtig h\u00e4lt.<br \/><i>Aus dem Protokoll der NZZ vom 2. Februar 2006, S. 59<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> Aha, zu freisinnig-parteiisch wohl ist das NZZ-Protokoll. Ob dieser Schm\u00e4h am NZZ-Protokoll wundere ich mich schon \u00fcber die Gleichmut des NZZ-Protokollanten, der die Voten brav (und irgendwie ausf\u00fchrlicher als sonst, wie mir jetzt scheint) notiert. Erst sp\u00e4ter lese ich dann im \u00dcberblicksartikel zur Sitzung: <\/p>\n<blockquote><p>Immerhin gibt es aber eine Zeitung, deren Journalisten sich jeden Mittwochabend mit frisch gespitzten Ohren in den Ratsaal setzen. Am Donnerstag findet sich das eine Seite umfassende Resultat auf der Ratsprotokollseite im Z\u00fcrich-Teil der NZZ \u2013 aber es sei hier offen eingestanden: Wir Journalisten sind weniger an den rhetorischen Rittbergern und den argumentativen Fechtk\u00fcnsten der Ratsmitglieder interessiert, sondern an Fakten, Fakten, Fakten.<br \/><i>NZZ vom 2. Februar 2006, S. 55: Das Parlament im Originalklang<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> Der NZZ-Protokollant wollte vielleicht mit seinem Protokoll dieser speziellen Sitzung beweisen, dass die Unzufriedenheit des Gemeinderats mit seinen Redespuren in der Welt ungerechtfertigt sei. Doch wurde trotzdem von niemandem der Vorschlag gemacht, die eigene Protokollierung der Sitzungen gerade ganz wegzulassen und stattdessen der NZZ zu vertrauen. Findige FDPler h\u00e4tten das doch als Public-Private-Partnership verkaufen k\u00f6nnen! Immerhin, ein Blick lesender SVPler nimmt die NZZ in Schutz: <\/p>\n<blockquote><p><i>Arthur Bernet<\/i> (svp.) ist schockiert dar\u00fcber, dass man die schnelle Berichterstattung der NZZ heruntermacht. Sie hat nicht die Qualit\u00e4t eines substanziellen Protokolls. Die Redaktoren der NZZ verdienen aber Dank und Anerkennung. Sie zeigen, dass sich Mundartvoten in NZZ-Deutsch \u00fcbertragen lassen. Wenn ich im Rat einmal den &#8222;Blick&#8220; lese und eine Debatte nicht so aufmerksam verfolge, kann ich diese am n\u00e4chsten Tag in der NZZ meist nachvollziehen.<br \/><i>Aus dem Protokoll der NZZ vom 2. Februar 2006, S. 59<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> Nun denn, der Gemeinderat musste sich selbst helfen. Die &#8222;Luxusvariante&#8220;, Tonaufnahme und anschliessendes Transkribieren, hatte keine Chance. Stattdessen formulierte die SVP einen Kompromiss: Bloss die Tonaufzeichnung sollte reichen, die Verschriftlichung, deren Nutzer auch <\/p>\n<blockquote><p>Studierende, Forschende und die Medien<br \/><i>Aus dem Protokoll der NZZ vom 2. Februar 2006, S. 59<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> h\u00e4tten sein k\u00f6nnen, sei zu teuer. Leider folgte der Rat diesem Vorschlag. &#8222;Leider&#8220;, da ich als Korpuslinguist nat\u00fcrlich zur zu gerne auf transkribierte und mit den Tonaufnahmen alignierte Sitzungsprotokolle (wenn m\u00f6glich bitte nach GAT-Regeln*!) zur\u00fcckgegriffen h\u00e4tte! Tja, da bleibt uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wohl nichts anderes \u00fcbrig, als die Forschungsetats vom Kanton erh\u00f6hen zu lassen, wenn wir das Transkribieren selber besorgen m\u00fcssen&#8230;<\/p>\n<p>* F\u00fcr Nicht-LinguistInnen: &#8222;GAT&#8220; steht f\u00fcr Gespr\u00e4chsanalytisches Transkriptionssystem. Es sind Regeln dar\u00fcber, wie Gespr\u00e4che transkribiert werden sollen, damit auch das Augenrollen der SPler w\u00e4hrend der Ausf\u00fchrungen des SVPlers oder der zischelnde Kommentar der FDPlerin an ihre Kollegin w\u00e4hrend der Rede des Ratspr\u00e4sidenten mit den richtigen Betonungen erfasst werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine besondere Lekt\u00fcre war das: Letzten Donnerstag las ich in der NZZ im Protokoll der Sitzung des Z\u00fcrcher Gemeinderats. Neben anderen Gesch\u00e4ften behandelte dieser die Frage, wie denn seine Sitzungen protokolliert werden sollten. 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