{"id":15,"date":"2006-01-20T09:38:16","date_gmt":"2006-01-20T09:38:16","guid":{"rendered":"http:\/\/bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=15"},"modified":"2006-01-20T09:38:16","modified_gmt":"2006-01-20T09:38:16","slug":"die-wirkung-der-worte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2006\/01\/20\/die-wirkung-der-worte\/","title":{"rendered":"Die Wirkung der Worte"},"content":{"rendered":"<p>W\u00f6rter k\u00f6nnen ganz sch\u00f6n Wirkung entfalten. Sie k\u00f6nnen Wirklichkeit ver\u00e4ndern. Denken wir an die klassischen F\u00e4lle: Die Taufe bewirkt, dass das Kind nachher wirklich Max heisst und das Schiff wirklich Queen Mary 2. Dazu ist ein Ritual n\u00f6tig, bei dem die richtigen Personen die richtigen sprachlichen Formeln verwenden &#8211; et voil\u00e0, die W\u00f6rter wirken.<\/p>\n<p>Dies ist der Kerngedanke der Pragmatik: Mit Sprache handeln wir. Mit Sprache ver\u00e4ndern wir Wirklichkeit. Eigentlich ist das v\u00f6llig trivial und es fallen einem wohl gleich hunderte von Beispielen ein, wo das so ist. Welche Tragweite das aber haben kann, zeigen zwei Beispiele:<\/p>\n<p>Die Eingabe eines Suchwortes in <a href=\"http:\/\/www.google.com\">Google<\/a> (und in jede andere Suchmaschine selbstverst\u00e4ndlich) kann von Dritten als kriminelle Handlung bewertet werden. Die US-Regierung m\u00f6chte die Suchstatistiken von Google einsehen, um P\u00e4dophilen auf die Schliche zu kommen (vgl. <a href=\"http:\/\/www.schockwellenreiter.de\/2006\/01\/20.html#eyGoogeltGeflligstSelber\">Schockwellenreiter<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/politik\/0,1518,396204,00.html\">Spiegel Online<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/68570\">Heise<\/a>), bzw. allgemeiner das Verhalten von Internetnutzern zu analysieren. Was das juristisch bringt steht hier nicht zur Debatte, linguistisch interessant daran ist, dass die Eingabe eines Suchbegriffs nat\u00fcrlich als Wunsch des Suchenden interpretiert wird, das Gesuchte zu finden und anzusehen\/zu lesen. Trivial? Naja, die Motivation des Korpuslinguisten, der sich beispielsweise f\u00fcr das Vorkommen von Begriffen im Web interessiert, ist ein v\u00f6llig anderes!<\/p>\n<p>Doch die Steigerungsform der Wirkung von Worten ist der nukleare Abschreckungskrieg. Der Kalte Krieg ist gl\u00fccklicherweise vorbei, das Problem der angedrohten Verwendung von Nuklearwaffen aber noch lange nicht vom Tisch (dieser Tage: <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/2006\/01\/19\/al\/newzzEIN1BXEP-12.html\">Chirac<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/dossiers\/iran\/index.html\">Iran<\/a> etc.). Bei der ganzen Tragik ist wiederum interessant, wie nukleare Abschreckung funktioniert: Land A droht mit dem Einsatz von Nuklearwaffen, wenn Land B diese einsetzen sollte \u2013 und umgekehrt. Es handelt sich linguistisch gesehen um jeweils einen Sprechakt mit der Illokution &#8222;drohen&#8220; (als &#8222;drohen&#8220; soll der Sprechakt vom Gegner wahrgenommen werden) und der Perlokution (dem erhofften Resultat), das Angedrohte nicht tun zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Damit die Drohung aber plausibel ist, m\u00fcssen Atomwaffen<\/p>\n<blockquote><p>vorhanden und ihre Existenz muss allgemein bekannt sein. [&#8230;] Zweitens muss auch die Option des Einsatzes von Atomwaffen glaubw\u00fcrdig und plausibel sein. Das erfordert nicht nur Tr\u00e4gersysteme (Flugzeuge, Raketen), sondern auch politische und planerische Voraussetzungen, die zeigen, dass ein Kernwaffeneinsatz ernsthaft erwogen wird. [&#8230;] Man muss den Einsatz von Atomwaffen wollen, um sie nicht einsetzen zu m\u00fcssen.<br \/>(NZZ vom 13. Januar 2006, &#8222;Die Rolle von Kernwaffen im 21. Jahrhundert&#8220; von Karl-Heinz Kamp, S. 7)<\/p><\/blockquote>\n<p> Das ist doch eigentlich ziemlich verr\u00fcckt \u2013 der zitierte Artikel schl\u00e4gt nicht etwa vor, Nuklearwaffen deshalb m\u00f6glichst abzubauen, sondern hofft auf das &#8222;nukleare Tabu&#8220;, das sich aus dem skizzierten Dilemma ergebe.<\/p>\n<p>Atomwaffenbesitz also nur als Folge gegenseitiger Sprechakte des Drohens? So grausam kann Sprechen sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00f6rter k\u00f6nnen ganz sch\u00f6n Wirkung entfalten. Sie k\u00f6nnen Wirklichkeit ver\u00e4ndern. Denken wir an die klassischen F\u00e4lle: Die Taufe bewirkt, dass das Kind nachher wirklich Max heisst und das Schiff wirklich Queen Mary 2. 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