{"id":14,"date":"2006-01-18T09:43:32","date_gmt":"2006-01-18T09:43:32","guid":{"rendered":"http:\/\/bubenhofer.com\/sprechtakel\/?p=14"},"modified":"2006-01-18T09:43:32","modified_gmt":"2006-01-18T09:43:32","slug":"der-gespickte-braten-spickt-aus-dem-ofen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bubenhofer.com\/sprechtakel\/2006\/01\/18\/der-gespickte-braten-spickt-aus-dem-ofen\/","title":{"rendered":"Der gespickte Braten spickt aus dem Ofen"},"content":{"rendered":"<p>Der <a href=\"http:\/\/www.blick.ch\/service\/artikel23305\">heutige Blick-Titel<\/a> verk\u00fcndet ein tragisches Ereignis:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" width='304' height='417' style=\"border: 0px; padding-left: 5px; padding-right: 5px;\" src=\"\/sprechtakel\/uploads\/HBi1eJ69_Pxgen_r_304xA.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck lesen wir weiter: <\/p>\n<blockquote><p>\u00abDer tiefe Schnee hat ihm das Leben gerettet\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p> Es scheint also ein gutes Ende genommen zu haben &#8211; widmen wir uns also linguistischen Ph\u00e4nomenen. N\u00e4mlich dem <b>spicken<\/b>.<\/p>\n<p>Der Duden meint zu diesem Verb: <\/p>\n<blockquote><p>1) spicken (Fleisch zum Braten mit Speckstreifen durchziehen)<br \/>2) spicken (<i>Sch\u00fclerspr.<\/i> in der Schule abschreiben)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der arme &#8222;Bub&#8220; spickte aber nicht den Schnee mit sich selbst und hat die Anleitung zu seinem Flug auch nicht einem Spickzettel entnommen, sondern wurde anscheinend aus der Kabine geschleudert. Der Duden verschweigt also die dritte, in der Schweiz gebr\u00e4uchliche Bedeutung von &#8222;spicken&#8220;. Doch wie schaut nun der Sprachgebrauch tats\u00e4chlich aus? Ist diese dritte Bedeutung auch in der Schweiz nur in der gesprochenen Sprache, dialektal, m\u00f6glich? (Sonst m\u00fcsste der Duden ja doch den Eintrag mit der dritten Bedeutung erg\u00e4nzen, nat\u00fcrlich mit dem Vermerk <i>in der Schweiz gebr\u00e4uchlich<\/i>.)<\/p>\n<p>Zuerst der Gegentest. Ruth berichtet mir aus Deutschlands Norden von ihrer Blitzumfrage zum Blick-Titel: <\/p>\n<blockquote><p>Verstehen tun es alle nicht (Florian, Nina, Susanne, Angelika) &#8211; sie konnten sich alle keinen Reim auf den Text machen. Florian meinte, es w\u00e4re ein Druckfehler (&#8222;spuckte&#8220;) und Nina meinte, es h\u00e4tte vielleicht etwas mit rausschauen zu tun, wunderte sich aber, weshalb das dann auf der Frontseite des Blicks erw\u00e4hnt w\u00e4re und Angelika tippte auf rauspinkeln&#8230; Spicken ist in erster Linie als Abschreiben bekannt und dann noch als Anreichern eines Bratens&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p> Fazit: Da man sogar beim Blick davon ausgeht, dass die Zeitung sinnvolle Texte verfasst, versucht man mit Fantasie eine Interpretation zu finden, die funktioniert. &#8222;Herausspicken&#8220; oder &#8222;herumspicken&#8220; ist also in Norddeutschland v\u00f6llig unbekannt.<\/p>\n<p>Wie sieht das denn die Neue Z\u00fcrcher Zeitung? Dort drin ist immer mal wieder etwas gespickt, jedoch selten im Sinne des Blickzitats. Doch immerhin:<\/p>\n<blockquote><p>Sind die Tiere wirklich so gefaehrlich, wie man sagt? &#8211; Andre spickt den Stummel seiner Zigarette ins Wasser. &#8222;Vergiss alles, was Spielberg erzaehlt. Es stimmt nicht. Die Haie haben alles andere im Sinn, als dich anzugreifen. Es sind sehr aengstliche Tiere.&#8220;<br \/><i>Neue Z\u00fcrcher Zeitung, 27. Februar 1999: Der Weisse Hai (5)<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> Oder: <\/p>\n<blockquote><p>Mit der Kadenz von einem Geschoss je Sekunde spickt der Automat die Kugeln in die Hoehe, die sich dann durch einen Wald von staehlernen Naegeln den Weg nach unten bahnen.<br \/><i>Neue Z\u00fcrcher Zeitung, 3. Mai 1995: Exotisches in der einstigen Kabuki-Hochburg; Unterwegs in Tokios Stadtviertel Asakusa<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> Und:<\/p>\n<blockquote><p>Der Weissrusse ist auserw\u00e4hlt, etwas Spektakel zu machen, dann aber soll er verlieren. Alles verl\u00e4uft nach Plan, zum traditionellen Termin im Berner Kursaal. Menasrias F\u00e4uste trommeln. Der Kopf des Gegners spickt unkontrolliert hin und her, Bluttropfen am Boden, Schweiss spritzt. Dann ist es geschafft.<br \/><i>Neue Z\u00fcrcher Zeitung, 27. Dezember 2005: Fische im Kopf<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p> Nicht oft kommt das vor, aber immerhin.<\/p>\n<p>Aber noch eines zeigt die Recherche: Der Duden ist unvollst\u00e4ndig, wenn er &#8222;spicken&#8220; in der ersten Bedeutung nur mit einem Braten in Verbindung bringt. Eine <a href=\"http:\/\/www.ids-mannheim.de\/cosmas2\/install\/\">Cosmas-Recherche<\/a> in den <a href=\"http:\/\/www.ids-mannheim.de\/kt\/projekte\/korpora\/\">IDS-Korpora<\/a> mit <a href=\"http:\/\/www.ids-mannheim.de\/kt\/misc\/tutorial.html\">Kookkurrenzanalyse<\/a> bringt folgende W\u00f6rter zutage, die normalerweise mit &#8222;spicken&#8220; in Verbindung gebracht werden:<\/p>\n<p>mit Anekdoten gespickt<br \/>\nmit (viel) Humor gespickt<br \/>\ndas Buch ist (mit etwas) gespickt<br \/>\netwas ist mit Namen gespickt<br \/>\nmit (zahlreichen) Beispielen gespickt<br \/>\nmit Pointen gespickt<br \/>\nmit Anspielungen gespickt<br \/>\nmit Stars gespickt<br \/>\nmit Witzen, Nationalspielern und Schwierigkeiten gespickt<br \/>\nusw.<\/p>\n<p>Der Braten und der Speck folgen dann auch irgendwann &#8211; es scheint aber, dass im Sprachgebrauch vornehmlich anderes nicht mit Speck, sondern mit noch anderem gespickt ist.<\/p>\n<p>Aber Lust h\u00e4tte ich jetzt auf einen gespickten Braten durchaus! Mal sehen, was die Mensa heute so bietet&#8230;<\/p>\n<p>(Danke an Ruth f\u00fcr den Blick-Hinweis und die Umfrage!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der heutige Blick-Titel verk\u00fcndet ein tragisches Ereignis: Zum Gl\u00fcck lesen wir weiter: \u00abDer tiefe Schnee hat ihm das Leben gerettet\u00bb Es scheint also ein gutes Ende genommen zu haben &#8211; widmen wir uns also linguistischen Ph\u00e4nomenen. N\u00e4mlich dem spicken. 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