"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):
Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...
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24. Okt. 2002: Machen wir uns zum Affen!Heute werde ich kaum zum Schreiben kommen, so viele Fragen haben mir die verehrten Leserinnen und Leser zugeschickt! Aber beginnen möchte ich mit einer Feststellung, die ich als SMS erhalten habe: Noah, SMS-Schreiben & Handy-Benutzen das heisst, sich in einer Menue-Hierarchie zum Affen zu machen Es könnte sein, dass mir da Eco persönlich geschrieben hat (weil er sich so über mein Zitat von ihm freute?), es ist auf jeden Fall treffend... Doch die besorgte Leserschaft warf eine Anzahl von Fragen auf, die einer Antwort harren. Beginnen wir mit F. H. aus B.: Ist eigentlich schon wissenschaftlich erforscht, wieviel Prozent der Anrufe nur darum NICHT ankommen, weil die Handy-Besitzer ihr Gerät nicht schnell genug aus der Tasche und dem Etui fummeln konnten als es tröööötete? Passiert mir ständig.Für meinen Teil kann ich nur antworten: Meins ist a) so leise eingestellt, dass ich es überhaupt nicht höre und b) ruft mich sowieso niemand an so dass ich c) schon bald einen Automaten einrichten werde, der alle 20 Minuten mein Mobiltelefon anruft, worauf ich es dann stolz klingeln lassen kann, bis ich es endlich aus der Tasche geklaubt habe und es dann ja schon wieder aufgehört hat, weil ich zu langsam war und dann ist meine soziale Welt wieder in Ordnung... Aber ärger: Und ist ausserdem schon wissenschaftlich erforscht, wieviel Prozent der Anrufe, die nicht beantwortet wurden völlig sinnlos waren, was sich immer dann herausstellt, wenn man den vergeblichen Anrufer später auf Grund der Meldung des Handys zurück ruft und dieser einem dann erklärt, es hätte sich erledigt? Diese Meldung, dass das Handy einen Anruf in Abwesenheit erhalten hat und von wem der kam, ist ein Fluch, ein gottvermaledeiter: Sie produziert Schuld- und Pflichtgefühle. Kann man das irgendwie abstellen?Auch ich erkenne die Gefahr dieser Funktion für die Psyche des Menschen und da wir jetzt schon zwei sind, leite ich diese Frage mal an die drei Telefongesellschaften in der Schweiz weiter. Und nocheinmal droht Gefahr: Ist eigentlich wissenschaftlich erfasst, wieviele Menschen nicht mehr in der Lage sind, eine Telefonnummer zu memorieren, weil der Speicher ihres Handys diese Fähigkeit überflüssig macht. Weiss man, wieviele Leute nach dem Verlust des Handys völlig in die Bindungslosigkeit abstürzen, weil all ihre Mitmenschen-Nummern weg sind?Da kann man nur hoffen, dass derjenige neben seinem Handy noch einen Palm Organizer, eine AOL Chat Buddy-List und ein digitales Telefon zuhause hat! Oder im Notfall: Die Telefonrechnungen. Dort muss man dann nur noch die zwei letzten Ziffern der Nummern erraten, um wieder zu Freunden zu kommen... Dann zum Themenfeld SMS schreibt N. M. aus St. L. bei B. in F.: Ist dir schon aufgefallen, dass das SMSen praktisch die mobile Funktion von Chatten erfüllt. da muss sich unsereins nicht in irgendein internet-cafe quetschen, um dann noch passiv rauch zu schlucken oder gar eine cola trinken zu müssen...nein, das ist schlichtweg eine liberalisierung der flirtmöglichkeiten.Zu letzterem: Ich bin ja begeisterter Anwender der computerlinguistisch interessanten word-guessing-Methode beim Tippen der Buchstaben. (Für alle Outsider: Es reicht damit, jeweils nur einmal auf die mit mehreren Buchstaben belegten Tasten zu drücken und das Telefon versucht dann anhand der Kombinationmöglichkeiten herauszufinden, welches Wort gemeint sein könnte.) Ich beobachte jeweils ganz entzückt die Wandlung des Wortes "Noah" bei der Eingabe von M > Mm > Oma > Noch > Noah und bin immer froh, wenn ich nicht bei der Oma stehen bleibe... Und dann fordert die gleiche N. M. auch noch, dass ich mich diesen komplizierten Zeichen wie :-))) rofl bfn 8-) annehmen solle! tststs... Zum Schluss noch etwas Positives. Ich bin nicht alleine! es ist unglaublich, aber ich habe das gefühl, du schreibst von mir... handy kauf, ersten anruf tätigen... das undefinierbare surren beim vibrieren des handys auf dem holztisch (hä? bohrt der nachbar gerade löcher in die wand???) - alles diesen sommer geschehen. dazu kam dann noch der unmut der lieben kollegen: du hast doch nun ein handy; warum hast du's nie dabei (bzw.: eingeschaltet)?Das schreibt eine Sangallerin, die sich als bisherige Handyverweigerin eines gekauft hat "für die grossstadt z., um mich als mobilen, urbanen menschen durchschlagen zu können". So, die Fragen sind auf dem Tisch, Antworten sind heiss erwartet! Das nächste Mal werfen wir eine Blick auf die mobilen Kiddies in Norwegen... | ||
Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.
Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...