Ich und das Mobiltelefon: Dokumentation eines Selbstversuchs

"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):

Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...

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22. Okt. 2002: Das erste Mal

Premiere heute! Ich habe telefoniert mit meinem Mobiltelefon, und das in beide Richtungen! Nachdem ich es jetzt tagein tagaus schön brav mit mir herumtrug, bei jedem Piepsen aufschreckte um mir dann sofort in Erinnerung zu rufen, dass ich es, was seine Alarmierung betrifft, auf absoluter Sparflamme laufen lasse, ich mir aber doch nie ganz sicher war, ob das dann wirklich so unauffällig ist, nachdem es also x verpasste Chancen gab, angerufen zu werden oder selber anzurufen, hats heute endlich geklappt.

Mittags, auf dem Weg zurück ins Büro, zog ich das Telefon aufgeregt aus der Tasche, blickte kurz um mich herum, um die Reaktion der Umstehenden zu prüfen (kein Interesse an meinem schönen Telefon...), merkte, dass ich es verkehrt herum in der Hand hielt, liess den Blick auf die nächsten zehn Meter meines Weges gleiten um allfällige Hindernisse im Voraus zu erfassen, hangelte mich durch das elektronische Adressbuch und wählte die Nummer von L. aus Z.-Oe.: Mein Herzschlag war etwa viermal so schnell wie das Klingelzeichen. Und das über eine Minute hinweg. L. aus Z.-Oe. nahm nicht ab!

Frustriert drückte ich auf "auflegen" (das müsste eigentlich "abdrücken" heissen, ev. noch "abklemmen" oder "abwürgen"...) und legte das Ding auf meinen Pult, an dem ich zwischenzeitlich angekommen bin. Aber: Mobiles Telefonieren funktioniert ja so. Meistens hat der Angerufene sowieso keine Zeit, den Anfruf entgegen zu nehmen, da er gerade Velo fährt, taucht oder das Telefon nicht findet. Der Anrufer hinterlässt jedoch seine Spuren: Das Telefon hält ihm erbarmungslos alle die in der Zwischenzeit während des Velo fahrens, tauchens oder Telefon-nicht-findens versäumten Anrufe entgegen und der homo communicationis mobilensis wird zum reuigen Zurückrufer. So auch L. aus Z.-Oe.: Plötzlich beginnen die Musikboxen meines Computers zu brummen. Eine Sekunde später piepst was neben mir und dann vibriert der ganze Tisch! Ich dachte zuerst an Ausserirdische und dann als Telefon. Fluchtartig verliess ich mit dem Telefon das Büro und nahm ab.

L. aus Z.-Oe., aber vom Festnetzanschluss (deswegen konnte mir das Telefon den Anrufenden auch nicht namentlich nennen...). Der erste Teil des Gesprächs war dann das, was Luhmann selbstreferentiell nennen würde: Thema Mobiltelefon...

Etwas später hatte ich dann auch noch die Gelegenheit, einen erfolgreichen Anruf zu initiieren. Ich glaube, ich hab' jetzt begriffen, wie es geht. Der nächste Schritt wird sein, das Anrufen fahrend auf dem Velo zu üben, dann vielleicht im Zug (mit spezieller Berücksichtigung von Redundanz erzeugenden Kommunikationstechniken um die Tunnel-Funklöcher zu umgehen) und dann zum Abschluss (hohe Kunst der mobilen Telefonie): tauchend.

Nur eine Frage an die PhysikerInnen (und speziell DEN Physiker) unter den Lesenden habe ich noch: Weshalb beginnen, bevor das Telefon überhaupt Pieps sagt, die Musikboxen zu brummen, wenn jemand auf das Mobiltelefon anruft?! Und da will noch jemand behaupten, mobil zu telefonieren sei nicht gesundheitsschädigend... Klärung, Meinungen & Erfahrungen wie immer erbeten....

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Warum, weshalb und wie es dazu kam...

Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.

Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...