Ich und das Mobiltelefon: Dokumentation eines Selbstversuchs

"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):

Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...

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19. Okt. 2002: Kunst und Kommerz

Via SMS kann man Kontakte pflegen, das Leben koordinieren, flirten, teilweise sogar Zivilstandsänderungen veranlassen (siehe 17. Okt. 2002), wie wir bis jetzt gelernt haben. Die Frage ist natürlich: wie? Die technisch bedingte Kürze von SMS-Botschaften verlangt es, schnell auf den Punkt zu kommen, langes Blabla ist nicht möglich. Doch gibt es sogar Menschen, die Ihre Botschaften in lyrischer Form durch die Welt funken. Da erreichte mich doch unlängst ein SMS-Gedicht von D. H. aus B.:

Ist ein SMS gedichtet
wird es als Kultur gewichtet
kommt es ohne Reim und Charme
find ichs arm ;-)

Also Leute: Reisst euch am Riemen und schreibt auch in Reimen, wer weiss, in einem Jahr wird wieder ein Nobelpreis in Literatur vergeben...

Der 160 Zeichen-Wettbewerb des Uzzi Verlags ist leider schon vorbei. Dort wird "Literatur auf kleinstem Raum" prämiert - statt Schreibmaschine oder Computer diente das Mobiltelefon als Schreibgerät. Kleine Kostprobe des letztjährigen Wettbewerbs: 2. Platz der Kategorie "Literatur" von Dr. Gerhard Kanduth:

reklamation

dieser griff
hält nicht

er
würgt

Quelle: www.160-zeichen.de

Kurz und bündig, und gerade mal 46 Zeichen lang. Zwei weitere Strophen hätten also locker noch gepasst...

Ganz ein anderes Thema schneidet Karli Marx aus Z. an. Er schreibt mir:
Ich habe mein Mobiltelefon an dem Tage verkauft, als die staatliche Telefongesellschaft privatisiert wurde. Was für eine Schande! Und nun gibt es sogar drei solche privaten, gewinnmaximierenden Unternehmen, grauenhaft!

Lieber Karli, ich kann dir da nur zur Hälfte Recht geben. Klar, auch mir wäre es lieber gewesen, ich hätte nicht die Qual der Wahl der Telefongesellschaft gehabt (wobei meine Wahlmöglichkeit im Shop dann doch nicht so gross war - siehe Eintrag vom 11. 10.) und die gute alte PTT (die vielleicht heute PTTM - Post, Telefon, Telegraph, Mobiltelefon heissen müsste) wäre die einzige väterlich für ihre Kunden schauende Gesellschaft gewesen, der man ein Leben lang treu sein könnte. Doch muss ich aus soziologischer Sicht auf die tollen Differenzierungsmöglichkeiten gesellschaftlicher Schichtung verweisen, die die Kombination aus Telefon-Hersteller und -Gesellschaft erst ergeben (siehe auch 11. 10.).

Schon fast Häme erreicht mich aus B. von F. F.:
widerstand war wohl zwecklos, gäll?!

Da stelle ich mich in den Dienst der Wissenschaft, nehme einen riskanten Selbstversuch auf mich, und dann das! Jaja, ich verstehe schon, was da zwischen den Zeilen suggeriert wird: "Ha, das ist ja die blödeste Ausrede für den Kauf eines Mobiltelefons, die ich schon je gehört habe." Ich könnte ja hier und jetzt geloben, dass ich das Ding in fünf Monaten wieder verkaufe und dann nie mehr in meinem ganzen Leben mit einem Mobiltelefon rumlaufen werde! Hmm, naja, mal schauen...

Wie es den armen Menschen geht, die kein Mobile haben, schildert J. B. aus Z.:
Bin jetzt schon seit Beginn am Mitlesen. Ich kann nicht wirklich mitreden, höchstens wo man wie zu welchen Konditionen als Nicht-Mobiler im Internet gratis SMS versenden kann, um trotzdem welche senden zu können - sogar mit dem komfortablen Problem, dass keine Rückmeldung möglich ist...

Zeigt das nicht schön die gesellschaftlichen Folgen dieser nur-festnetztelefonierenden Spezies?! Soziale Vereinsamung, die zu sozialer Deprivation führt! Sie dürfen zwar senden aber nichts empfangen - sie geben nur, ihr ganzes Leben - und was kommt zurück? Nur die vom System generierte Meldung: "Vielen Dank, dass sie unseren Web-to-SMS-Service benutzt haben. Ihre Botschaft wurde erfolgreich versandt. Wir freuen uns, wenn Sie schon bald wieder eine Nachricht verschicken..." Naja, nicht gerade befriedigend...

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Warum, weshalb und wie es dazu kam...

Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.

Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...