"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):
Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...
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18. Okt. 2002: Vom Statussymbol zum Normalfall72% aller EinwohnerInnen der Schweiz besassen im Jahre 2001 ein Mobiltelefon. Das ist zwar viel, im internationalen Vergleich hinkt die Schweiz aber einigen Ländern hinterher. Italien liegt an der Spitze: 84% benutzen dort ein Telefonino. Traditionell stark sind die skandinavischen Länder, aber auch Österreich, England und Portugal liegen auf den Spitzenplätzen. Weit abgeschlagen liegen Kanada (32%) und die USA (44.5%). Wer also das Mobiltelefon als Machtsymbol vorzeigt, erklärt damit in Wirklichkeit allen seine verzweifelte Lage als Subalterner, der gezwungen ist, in Habachtstellung zu gehen, auch wenn er gerade einen Beischlaf vollzieht, wann immer ihn der Geschäftsführer anruft, der Tag und Nacht hinter seinen Schuldnern her sein muss, um überleben zu können, der von der Bank sogar noch während der Erstkommunion seiner Tochter wegen eines ungedeckten Schecks verfolgt wird. Aber die Tatsache, dass er sein Mobiltelefon so prahlerisch benutzt, ist der Beweis dafür, dass er all diese Dinge nicht weiß, und somit die letzte Bestätigung seiner unwiderruflichen sozialen Marginalisierung. (Eco 2000, 84). Etwas anders sieht das wohl unter Jugendlichen aus. Höflich berichtet von Diskussionen mit jungen Deutschen über ihren Gebrauch des Mobiltelefons. Für sie ist dieses so selbstverständlich geworden, dass sie die Verbreitung des Mobiltelefons mit 90 bis 95% in Deutschland (in Realität: 68%) stark überschätzen. Für die Organisation des Alltags ist es unabdingbar geworden, im Klassenzimmer ein absolutes Must, um SMS-Botschaften empfangen und versenden zu können: Es handelt sich dabei um die elektronische Variante der kleinen Zettelchen, die wir früher noch für die banknachbarliche Kommunikation verwendeten. Und natürlich dient das Handy dem modernen Flirt. Zwei Beispiele aus den oben erwähnten Gruppendiskussionen zeigen diese Funktion: Ich habe eine SMS bekommen, da stand: "Ich kenn dich nicht und du kennst mich nicht" und so Geschichten und da hab ich zurück geschrieben und gefragt, was das soll. Da hat sie zurückgeschrieben, dass sie mich kennen lernen will und da war das so eine Türkin und wir haben telefoniert. Da haben wir uns gesehen und jetzt kennen wir uns seit zwei Monaten. Ja, man kennt halt immer mehr Leute... Sie ist ein Kumpel. Man trifft sich einmal in der Woche oder so. Sie ist eine Türkin und darf nicht so oft raus. Oder dann ganz pragmatisch: A: Da kam eine SMS von einem Typen aus Sachsen. Der hat geschrieben: "Wer bist du?" So, genug gefaselt. Morgen gibts etwas ganz Spezielles: SMS-Poesie und weitere Reaktionen aufs Tagebuch... Literatur: Höflich, Joachim R.: Das Handy als "persönliches Medium". kommunikation@gesellschaft, Jg. 2, 2001, Beitrag 1 Eco, Umberto: Wie man das Mobiltelefon lieber nicht benutzt. In: Bräunlein, Jürgen/Flessner, Bernd (Hrsg.): Der sprechende Knochen. Perspektiven von Telefonkulturen. Würzburg 2000, S. 83-84. Bundesamt für Statistik, Bereich 20: Gesellschaft in Bewegung. Indikatoren zur Informationsgesellschaft. | ||
Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.
Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...