Ich und das Mobiltelefon: Dokumentation eines Selbstversuchs

"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):

Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...

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23. Dez. 2002: Kommunizieren bei 140 km/h

Am Samstag erlebte ich endlich mal das erhebende Gefühl, im fahrenden Zug angerufen zu werden. Es passierte mir zwar schon mal, dass ich einen Anruf im Zug empfing, nur stand der Zug dabei blöderweise noch im Bahnhof. Ich kam also gar nicht dazu, Kommunikation unter erschwer-chchchchchchchtschfffffffifififi-ten Bedingungen zu tütütütütütüüü ... - Ich kam also gar nicht dazu, Kommunikation unter erschwer- uff! -ten Bedingungen zu testen und die zahlreichen sprachlichen Kniffs zur Rauschunterdrückung auszuprobieren: Schreien, einfacher Satzbau, möglichst nur Vokale, Verben im Infinitiv verwenden, Nachricht vom Gesprächspartner wiederholen lassen (... Ende, Antworten bitte? - Jawohl, verstanden, ich wiederhole...) - ich erinnere mich da noch schwach an die Funklektion im Zivilschutz: Bruno Uno an Bruno Due, antworte bitte - Bruno Due an Bruno Uno verstande...

Tja, im zivilen Leben funktioniert das einfacher und scheinbar weniger reglementiert. Das Display kündet mir schon an, wer an der anderen Leitung sein wird, die Anrufende weiss es ja auch schon, das Rätselraten hat also ein Ende und der Satz "Ich bins" wird noch sinnloser...

Aber eben, das erste Mal also surrte mein Mobile im fahrenden Zug - und die Verbindung war prima. Entweder fuhren wir gerade einer Autobahn entlang, oder meine Telefongesellschaft fand es sinnvoller, die Bahnstrecke Baden-Zürich mit Antennen zu versorgen anstelle diverser marginaler Alpenpässe, wie das eine grössere Apfelsinen-Gesellschaft zu tun pflegt...

Apropos Zug: Um herauszufinden, wann denn dieser Zug, indem ich oben sass und später sitzen würde, um eben das erste Mal im fahrenden Zug angerufen zu werden, wann ebendieser Zug fährt, stürzte ich mich in Unkosten und nutzte den SMS-Fahrplan. Ganz nett, aber enttäuschend dass dieser im Sinne von Location Based Services noch nicht angepasst ist: Weshalb muss ich den Abfahrtsbahnhof mühsam eintippen, wenn die Telefongesellschaft doch besser als ich weiss, wo ich mich gerade befinde! OK, so belässt das Mobile einem wenigstens die Illusion, über die eigenen Schritte selber bestimmen zu können - doch dass dann die gewünschte Abfahrtszeit um 19 Uhr abends auf 9 Uhr voreingestellt ist, finde ich nun wirklich unsinnig. Da mit dem aktuellen Tag gerechnet wird, würde man mit der Voreinstellung sogar nach bereits gefahrenen Zügen suchen, was ja nun wirklich nur für einen ganz kleinen, rückwärts gewandten, SVP-hörigen Teil der Menschheit von Interesse sein kann!

Da lobe ich mir doch meinen neu erstandenen Palm, der mir in epischer Breite über alle wichtigen Zugsverbindungen Bescheid geben kann und im Anschluss sich sogar bereit erklärt, eine Notiz in die Agenda einzutragen, wo dann steht, wann ich auf welchem Bahnhof auf welchem Gleis in welchen Zug steigen muss, um rechtzeitig das Meeting zu erreichen... Aber ihr könnt euch vorstellen: Was ich da an Gerätschaften mit mir herumschleppe erinnert schon bald an die Ausstattung von fliegenden Händlern - die Integration in den Körper muss also unbedingt weiterverfolgt werden, um dieses Problem zu entschärfen...

Eigentlich wollte ich in diesem Eintrag über einen interessanten Artikel zur mobilen Kommunikation in der Stadt des 21. Jahrhunderts berichten und jetzt war mal wieder nur von mir die Rede! Doch das nächste Mal holen wir das nach. Dann gehts auch um künstliche Fingernägel und um die Frage, was diese mit Mobiltelefonen zu tun haben...

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Warum, weshalb und wie es dazu kam...

Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.

Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...