Ich und das Mobiltelefon: Dokumentation eines Selbstversuchs

"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):

Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...

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12. Dez. 2002: Über die Konstruktion von für die Werbeindustrie interessanten Sonderbeilagen

Die NZZ hat wieder mal zugeschlagen: Die Ausgabe vom Dienstag war etwas dicker, ein Indikator für einen Werbung generierenden Beilagenbund, bei dem die NZZ regelmässig das Zählen verlernt und die Seitenzahlen in einer interessanten alphanumerischen Variante erscheinen. Eine Farbfotografie - entschuldigung, NZZ: eine Pharbphotographie der in der Badewanne telefonierenden Brigitte Bardot ziert die Seite B1. Und das eine halbe Seite gross! Aha, dachte ich, die Sonderbeilage Telekommunikation ist erschienen. Wunderbar, das gibt doch wieder Stoff für mein Tagebuch!

Die Enttäuschung Nummer 1 war, dass die Funktion der Werbegenerierung besonders gut funktioniert hat: Der zweite Bund der Beilage - zwölf Seiten - präsentiert uns die Unterschriften der Belegschaft der "Swiss International Air Lines". Die Firma bedankt sich damit bei uns, weil wir ihr so nett geholfen haben, zu starten. Erstaunlich, dass die Unterschriften der Belegschaft noch fast zwölf Seiten füllten - man rechne, wie sich ein Stellenabbau um 50% lohnen würde! Die swiss müsste der gierigen NZZ nur noch die Hälfte des Inseratepreises in den Rachen werfen... Und dass die dann unbedingt noch blaue Tinte nehmen mussten, um zu unterschreiben, ist auch nicht gerade loyal gegenüber dem Arbeitgeber - und uns, den swiss-Hebammen! Schwarz hätte es ja auch getan und die Inseratekosten wären noch geringer ausgefallen. Immerhin ist für die Reproduktion des Tyler-Brûlé-swiss-Logos kein Vierfarbendruck nötig...

Tja, und Enttäuschung Nummer 2? Eine Masse von Artikeln über das langweilige Schnurtelefon und die Frage der letzten Meile: Muss die Swisscom jetzt vollständig entnabelt werden oder nicht?

Doch immerhin, ein paar wenige Artikel zur mobilen Kommunikation. Da wird z.B. eine Untersuchung des Allensbacher-Demoskopie-Institutes zitiert: Die wichtigsten Kriterien beim Handy-Kauf seien im Vergleich von heute mit 1999 noch immer die einfache Bedienung (59% 1999, 66% 2002), die lange Akkuzeit, der günstige Preis und das geringe Gewicht. Gegenüber 1999 hat die Wichtigkeit des Vibrationsalarms zugenommen. Heute wollen anscheinend nicht mehr viele darauf verzichten. Sowie natürlich Zusatzfunktionen wie Zeit, Kalender, Adressbuch, Spiele etc., die aber noch immer an letzter Stelle des Kriterienkatalogs stehen (4% bzw. 13%).

Noch interessanter der Artikel mit dem Titel "Wenn Handys gesundheitsschädlich wären", der die nervöse Stimmung der Rückversicherer schildert, mit der diese die Forschung mitverfolgen. Aus Sicht der Versicherer ist dabei die Frage, ob Handys wirklich gesundheitsschädlich sind, oder ob sich nur die Einschätzung durchsetzt, dass sie es sind, irrelevant. Denn eine Auswirkung auf die Akteure der Branche hat das Problem sowieso, egal, wie die Frage beantwortet wird. Tatsache ist z.B., dass die Ängste der Bevölkerung vor den Strahlen den Bau von Antennen faktisch verlängert, egal ob die Wissenschaft Entwarnung gibt oder nicht (nebenbei: sie hat noch keine Entwarnung gegeben. Bis heute konnte weder die Schädlichkeit noch die Unschädlichkeit bewiesen werden). Das Risiko, keine Antenne aufstellen zu können, wird natürlich versichert und so hängen die Versicherungen in jedem Fall.

Ein eindrückliches Beispiel für Konstruktion von Wirklichkeit.

Ach ja, und dann war natürlich sowohl im Inserate- als auch im redaktionellen Teil die Rede von diesem doofen SVP - oder wars PSV, oder etwa SPV? - Mobile von Orange-dows. Ich bin jedesmal enttäuscht, wenn ich ein Bild davon sehe, dass der arme Typ, der es in Händen hält, noch immer nur eine SMS, eine MMS und fünf E-Mails auf seinem Handy empfangen hat! Der hat sicher nicht viele Freunde...

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Warum, weshalb und wie es dazu kam...

Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.

Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...