Ich und das Mobiltelefon: Dokumentation eines Selbstversuchs

"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):

Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...

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05. Dez. 2002: Mit dem Mobiltelefon zur Multimillionärin

"Weiter! Weiter! Mehr! Bitteeeee!!!!" tönte es aus den unzähligen Mails und SMS-Nachrichten, die ich in den letzten Tagen erhalten habe! Jaja, liebe Fans, es geht ja weiter...

Zuerst müssen wir mal die akademische Karriere eines Physikers retten. L. M. aus Z.-Oe. hat uns an seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen teil haben lassen - eine schöne Grafik mit zwei schönen Peaks zum Einfluss der Mobiltelefon-Technik auf irgendwelche "Messungen", die ich jetzt nicht näher erläutern möchte. Doch es regte sich Widerstand: S. F. aus Z.-Wpk. wunderte sich über die Stromwerte der Grafik:

(...) etwas mehr verwirrt mich, dass das einschalten und das sms-bekommen zu einem kleineren Betrag des stromwertes führt, während anschliessend beim nichts tun der strom immer grösser wird....
Tragische Tage im Leben des L. M. folgten: Zweifel, Vorwürfe, nur schöne Resultate, die jeglicher Grundlage entbehren, zu produzieren, Karriere futsch. Dabei ging alles mit rechten Dingen zu und her, wie L. M. beteuert. Hier im Originalton und in voller Länge (scrollen erlaubt, wenn man von L. M.s Unschuld überzeugt ist...):
bevor ich mich für heute ins 5. untergeschoss verabschiede, verteidige ich gerne mich und die exakten wissenschaften gegen die angriffe aus dem ersten philosophischen lager (war das übrigens der erste-finger-der-zweiten-hand-abonnent?). also: da ist nichts be-schönigt! ich hätte vielleicht erklären müssen, dass die kurve aus einer aktuellen messung stammt und das abfallen des stromes nichts mit dem mobiltelefon zu tun hat! die mobilen einflüsse beschränken sich auf die zwei kleinen peaks (interdisziplinäre frage: gibt es da ein deutsches wort?). ansonsten beschreibt die kurve den strom duch eine isolierende oxidschicht einer GaAs-nanostruktur. die x-achse ist im prinzip die spannung, aber da diese mit der zeit verändert wird, habe ich sie aus verständlichkeitsgründen für nicht-physiker als zeit benannt. warum nun das mobiltelefon den absolutbetrag des stromes verkleinert, müsste man sich genau überlegen und ausrechnen. eine qualitative erklärung könnte folgende sein: der fliessende strom erzeugt rund um das kabel ein magnetfeld. die elektromagnetischen wellen des mobiltelefons bestehen aus einem zeitlich ändernden magnetischen und elektrischen feld. diese beiden felder induzieren im messdraht einen strom, der offenbar eine schwächung des den draht umgebenden magnetfeldes bewirkt (könnte man mit der lenz'schen regel erklären) und darum gegen den bereits fliessenden strom gerichtet ist. eine genaue analyse ist jedoch aufgrund der komplizierten geometrie sehr schwierig...
Na, S. F.? Überzeugt? Ich sage nur: Die Anglizismenliste des Vereins Deutsche Sprache e.V. aus Dortmund will statt peak die Begriffe Höchstwert, Maximum, Spitze oder Spitzenwert geschrieben sehen. Ich aber bin für peak, wie ich auch den Kids den ghettoblaster lassen will (und ihnen nicht ein Kofferradio oder eine tragbare Musikanlage umhängen will) und es beim flirten (und nicht anbandeln) belassen will. Doch lassen wir das...

Im letzten Eintrag gings ja ums Management - äh, sorry, um die Organisation der Bühnen. Doch was ich dort beschrieben habe - gleichzeitig physisch und telefonisch Anwesende zu beglücken - ist ja ein Klacks gegenüber dem, was M. H. aus Z. beschreibt:
kürzlich hat eine frau im tram, die sehr laut mit jemandem am handy sprach (und hineinposaunte, sie könne nicht lange am natel sprechen, da sie ein sehr heisses ohr davon bekomme, sie sei wohl allergisch auf diesen plastik (die arme frau hat wahrscheinlich noch nie etwas von den strahlungen gehört...), auf einmal den telefongesprächspartner um geduld gebeten, um kurz einen anderen anruf zu empfangen. ich habe möglichst demonstrativ ein grinsendes kopfschütteln aufgesetzt und geglaubt, ich sei erstmals zeugin einer person, die zwei natels mit sich herumträgt und auch beide gleichzeitig benützt. da hat sich die gute frau aber inzwischen vom zweiten gesprächspartner verabschiedet und mit dem ersten den kontakt wiederaufgenommen und erklärt: es hat eben jemand angekopft. - da habe ich auf grund unzureichenden bedenkens der technischen möglichkeiten von handys mit meiner folgerung also den kürzeren gezogen.

vielleicht hast du schon jemanden mit mehreren laufenden handys gesichtet??
Mehrere Mobiltelefone parallel, ne, gesehen habe ich das noch nicht. Aber ein Freund erzählte mir neulich, er hätte inzwischen zwei Geräte, eines für privat und eines fürs Geschäft... Und dass er da nicht alleine ist, zeigt die Statistik: Im Jahr 2002 werden in Deutschland knapp 8.8 Millionen Mobiltelefone verkauft, wobei rund die Hälfte davon Zweithandys seien (Quelle: Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik). So besitzen bereits 2 von 3 Deutschen ein Zweithandy.

Hilfe benötigt E. R.:
als handy -frischling, als die ich mich immer noch fühle, bin ich doch gespannt, ob du vielleicht in deinem tagebuch auch mal tipps abgibst, wie ich meine 3 gratisstunden die ich zum handykauf im juni bekommen habe -und von denen immer noch mehr als eine stunde übrig ist, SINNVOLL bis ende dezember vertelefonieren könnte...
Da muss ich mal stolz Zwischenbilanz über meine bisher genutzten Freiminuten und -sekunden ziehen: Mit 25 Franken Guthaben, geschenkt von meinem Kommunikationsdienstleister, startete ich das Abenteuer am 11. Oktober 2002. Nachdem ich dann mal auf sechs Franken unten war, ging ich den Pakt mit dem Teufel ein: Ich verkaufte dem Kommunikationsdienstleister meine Privatadresse und erhielt dafür sage und schreibe neue 12 Franken... Da ich immer, wenn jemand anrief, möglichst lang quasselte, profitierte ich von den 5 Rappen pro Minute, die mir geschenkt werden, wenn mich jemand anruft. So beträgt mein Guthaben heute: CHF 17.82! Ha, ohne mein Konto haben plündern zu müssen! Ok, meine Seele habe ich verkauft, aber was ist DIE schon wert...

Ok, vom Thema abgelenkt. Die drei Gratisstunden von E. R. müssen also gut angelegt werden. Meine Tipps:
  • Investiere in soziales Kapital: Rufe nur Leute an, die dir Macht, Geld oder beides bringen.
  • Wenn du dann Geld hast, kaufe die Mobiltelefongesellschaft, mit der du den Vertrag hast, und sorge dafür, dass du ewig gratis telefonieren kannst. Wenn du Macht hast, veranlasse, dass jemand dir gut gesinnter dies macht. Wenn du beides hast, lass das Los entscheiden.
  • Jetzt kannst du bedenkenlos auch mit jenen telefonieren, die dir nicht unmittelbar Macht und Geld verschaffen können. Pflege soziale Kontakte, telefonier' auch mal mit jemandem, dessen monatliches Einkommen unter 10'000 liegt und zeige dich so von einer umsorgenden, rücksichtsvollen und verantwortungsbewussten Seite.
Jetzt stehen dir alle Türen offen - von drei Gratisstunden zur Multimillionärin, sozusagen! Dass das noch möglich ist heute...

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Warum, weshalb und wie es dazu kam...

Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.

Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...