"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):
Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...
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14. Nov. 2002: Vom Management der BühnenEin Nachtrag zum letzten Eintrag über die Gefahren der Mobiltelefone: Dienstag 12. November 2002, 16:15 UhrNähme mich ja Wunder, wie die Überreste eines explodierten Mobiltelefons aussehen... Nun denn, auf zu den Schwierigkeiten des Mobiltelefonierens in der Öffentlichkeit: Eine Umfrage aus dem Jahr 2000 zeigte, dass 60% der MobiltelefonbenutzerInnen und 76% der -nichtbenutzerInnen die Benutzung des Handys im öffentlichen Raum als störend empfinden. Die 60% stehen da etwas im Widerspruch zur tatsächlichen Nutzung in der Öffentlichkeit: Man scheint anscheinend vorallem das Mobiltelefon der anderen als störend zu empfinden... Telefonieren in Gesellschaft ist eine komplizierte Sache. Die Soziologie spricht vom Management von Bühnen. Rede ich mit jemandem von Angesicht zu Angesicht, gilt meine Aufmerksamkeit dieser "Bühne", auf der sich die Face to Face-Kommunikation abspielt. Klingelt dann mein Mobiltelefon, beginnt ein kompliziertes Management der nunmehr zwei Bühnen, die ich bespielen muss. Meine Stimme muss sich zum grössten Teil der Telefonkommunikation widmen, will ich ein erfolgreiches Gespräch führen. Doch was mache ich mit meiner ersten Bühne? Entweder ich wende mich von meinem Face to Face-Gesprächspartner ab und lasse diese Bühne verwaisen, oder ich versuche beide parallel zu unterhalten. Da die Stimme an die zweite Bühne gebunden ist, kann ich hauptsächlich nonverbale Mittel einsetzen, um den Draht zu meinem Gegenüber zu wahren. Z.B. indem ich das Telefongespräch nonverbal kommentiere: Grimasse, Augen verdrehen etc. gehören da zum Repertoire. Das ist aber schon die hohe Kunst des Bühnenmanagements. Meist gelingt das nicht und das physische Gegenüber muss sich mit meiner Abkehr abfinden. Dieses wiederum versucht, entweder betont uninteressiert am Telefongespräch zu sein - was übrigens das Ergebnis des "erzwungenen Lauschens" ist: Das Gegenüber hört zwar alles mit, ist sich des Verstosses der sozialen Regel "Lauschen gehört sich nicht" aber bewusst und lässt deshalb den Schein wahren, nichts mitzubekommen - oder das Missfallen an der Situation auszudrücken. Jedenfalls wird dieses Ausklinken aus dem öffentlichen Raum oft als störend empfunden, vorallem dann, wenn besonders offensichtlich wird, dass das Interesse des Telefonierenden nicht den physisch Umstehenden gilt, sondern dem Gesprächspartner am Telefon. Ein Zeichen dafür ist natürlich die typische Stimmmodulation während des Telefonierens: Traditionellerweise spricht man am Telefon deutlicher und ev. auch lauter, nicht nur um das Rauschen des Kommunikationskanals zu übertönen (was bei Mobiltelefonen wieder aktueller wurde, da die Übertragungsqualität gegenüber den traditionellen Telefonen abgenommen hat), sondern auch um die fehlenden nonverbalen Kommunikationsmittel zu kompensieren. Doch soziale Wesen, wie wir Menschen sind, erfolgt die Wiedereingliederung des Telefonierenden in die Konversation der Anwesenden häufig wohlwollend: Die Umstehenden merken nämlich an bestimmen Sprechersignalen, dass das Telefongespräch in Kürze zu Ende sein wird ("ok, also, gut, also dann...") und bereiten die Rückkehr des Abtrünnigen vor. Doch das funktioniert natürlich nicht immer so gut: Im Kino lässt sich ein Telefonierender nicht so einfach ignorieren, in (vielen) Restaurants gehört das Klingeln eines Telefons zu jenen Geräuschen, die dort tabu sind (wie z.B. furzen, aufstossen, schmatzen) und die Geliebte akzeptiert schlicht keine zweite Bühne neben jener, auf der sie ihre Arie singt... Noch ein PS: Die Grafik im letzten Eintrag hat S. F. aus Z. stutzig gemacht. Seine Kritik habe ich an den Urheber weitergesandt und dieser hat sich auch postwendend gerechtfertigt. Ich kann leider nicht tagebuchwendend reagieren, aber das nächste Mal klären wir die Missverständnisse. Literatur: Ling, Rich: The social juxtaposition of mobile telephone conversations and public spaces. July 2002. | ||
Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.
Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...