Ich und das Mobiltelefon: Dokumentation eines Selbstversuchs

"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):

Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...

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07. Nov. 2002: Und woff, die Tankstelle ist weg!

D. H. aus B. schickte mir eine interessante These:

ein Journalist und Freund von mir erwähnte neulich ein gesteigertes Bedürfnis, die Unfallstatistik für Fussgänger zu verfolgen. Seiner Meinung nach müsste im Moment ein sichtbarer Peak in einem Zeit-Frequenz-Diagramm
sichtbar sein, wegen all der durch die Stadt schlendernden Kiddies, die beim Sümseln (Simsen, SMSeln...) überfahren werden.
Ob sich die Mobiltelefonie unfallstatistisch schon niederschlägt, weiss ich nicht. Auffallend sind natürlich Meldungen wie jene vom 20. 4. 2000 in der NZZ: "Mit dem Handy am Ohr in den Tod gerannt". Der Unglückliche wurde vom Tram überfahren, wobei seine Antwort auf die Frage des Gesprächspartners nach seinem Aufenthaltsort die dramatische Wendung vom physischen "Grad ufm Bahnhofsplatz" zum metaphysischen "nümme uf Ärde", vielleicht über das dramatische "undere Tonne Tram", erfuhr.

Also, wir lernen: Die multitasking-Fähigkeiten des homo sapiens sapiens sind beschränkt - und nicht nur mit Mobiltelefonen in Verbindung mit Trams, was ein Artikel vom 10. 11. 1999 in der NZZ zeigt: "Mobiltelefon: bei Anruf Unfall" lautet der Titel. Durch das Klingeln des Telefons abgelenkt, versursachte ein junger Autolenker einen Unfall mit tödlichem Ausgang...

Ungemütlich kanns auch werden, wenn man mit dem Mobilelefon an der Tankstelle steht, jemand anruft und dann die ganze Tankstelle in die Luft fliegt. N. M. aus St.-L. bei B. schickte mir kürzlich eine "information de securité", die warnt: "ATTENTION: GSM et carburant ne font pas bon ménage" - Mobiltelefone und Tankstelle seien nicht gut aufeinander zu sprechen. Da wird von Unglückseligen berichtet, die ihr Telefon mal eben während des Tankens auf den Kofferraum stellten und nachdem es geklingelt hatte, Auto und Tankstelle nicht mehr da waren...

Hirngespinste? Angstmache? Hoax? Eine Pressemitteilung von Shell vom 18. 1. 1999 meint dazu:
Shell weist darauf hin, dass auf die Benützung von Mobiltelefonen im Nahberich von Tanksäulen und während des Betankungsvorganges zu verzichten ist und empfiehlt, diesbezügliche Hinweise in den Gebrauchsanweisungen der Mobilphone Hersteller zu befolgen. Während der Betankung kann unter Umständen ein explosionsfähiges Benzin-Luft Gemisch entstehen, das allenfalls durch Funkenschlag gezündet werden könnte. Ein Funke könnte z.B. entstehen wenn der Akku beim Herunterfallen eines Handys herausspringt, beim Herausnehmen aus der Autohalterung oder eventuell sogar beim Betrieb. Obwohl Shell (Switzerland) keine Kenntnis eines diesbezüglichen Unglücks hat, besteht trotzdem eine potentielle Gefahr, weshalb das Tankstellenpersonal entsprechend instruiert wird, telefonierende Kunden im Nahbereich der Tanksäulen zur Unterlassung aufzufordern. Das von einem Handy ausgehende Gefahrenpotential wird nach heutigem Kenntnisstand allerdings nicht grösser eingestuft als das Risiko, welches von der elektrischen Anlage des Autos oder einem heissen Auspuff ausgeht.
Na dann hoffe ich mal, die Tankstelle fliegt nicht in die Luft, wenn ich mal an einem Auto die elektrische Anlage einstellen sollte...

Wenn wir schon in der Physik sind: L. M. aus Z.-Oe. hat mir eine interessante Grafik gesendet, die ich euch nicht vorenthalten möchte:



Er schreibt dazu:
als Ergänzung zur gestrigen Geschichte über die von Dir direkt ausgelösten Anti-Ladendiebstahl-/Telefonklingelverstärkerschranke, so berichte ich heute von den Einflüssen der Technik von heute auf die Grundlagenforschung für die Technik von morgen. Anbei (falls Du das Dateiformat aus ClarisDraw 1994 überhaupt lesen kannst) die Auswirkungen meines Telefons auf meine Messungen.
Nun, erstens, wie du siehst, kann ich sogar ClarisDraw-Dateien aus dem Jahr 1994 lesen! Zweitens, für unsere LeserInnen muss ich natürlich nachtragen, was es mit dem Anti-Ladendiebstahl-/Telefonklingelverstärkerschranken-Problem auf sich hat: Nun, Ich rief L. M. auf sein Mobiltelefon an, er befand sich glücklicherweise nicht auf einer Tankstelle, sondern im Ausgangsbereich eines Geschäfts. Kurze Zeit später wurde er fast wegen Ladendiebstahls festgenommen, weil mit dem Klingeln des Handys gleich auch die Diebstahlsicherung zu klingeln begann... (So überhörte er wenigstens das Klingeln nicht!)

Doch nun zur Grafik, die ja wirklich beeindruckend ist. Sie impliziert, dass das Einschalten des Telefons (übrigens, L. M.: eingeschaltet, nicht angeschaltet... - hach, diese Physiker...) dem SMS-Erhalten gleichwertig ist! Ich schalte also mal so kurz mein Telefon ein, und der Effekt ist fast der gleiche, wie wenn ich ein SMS erhalten habe! Toll, nach dieser Erkenntnis verbrachte ich den halben Nachmittag damit, mein Mobile ein- und auszuschalten. Doch dann folgte (siehe Grafik), der jähe Absturz ins Bodenlose. Ich hoffe, ich kann mich vor 0.3 wieder aufrappeln...

Genug der Unglücksfälle und Risiken! Das nächste Mal gehts wieder humaner zu und her...

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Warum, weshalb und wie es dazu kam...

Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.

Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...