Ich und das Mobiltelefon: Dokumentation eines Selbstversuchs

"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):

Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...

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01. Nov. 2002: Grenzenloses Plappern im Dienste der Freundschaft

Die norwegischen Kiddies, heute kommen die schon zweimal versprochenen dran. Die skandinavischen Länder gehören ja zu den Pionieren der mobilen Kommunikation. Zwar sind die Japaner noch schneller, wie der Zürcher Soziologe Hans Geser (2002) schreibt. Schlusslicht bilden die USA (mit Kanada, wie wir bereits gesehen haben). Ein Gefälle technologischen Fortschritts, der in den meisten anderen Bereichen umgekehrt ist.

Eben, die nordischen Pioniere: Es verwundert also nicht, dass auch die Jugendlichen die mobiltelefoni lieben. 1999 hatten bereits 90% der 20jährigen und 60% der 13jährigen Zugang zu einem Mobiltelefon (Ling 2000)! Dabei spielt der gesellschaftliche Druck auf die Eltern, ihre Kinder "gut" zu erziehen - sprich: immer für sie da zu sein und unter Kontrolle zu haben - eine Rolle. Die Kinder ihrerseits schätzen die Unabhängigkeit, die sie durch das eigene Telefon gewinnen. So ist für sie auch nicht primär wichtig, dass sie unterwegs telefonieren können, sondern dass sie in ihrem eigenen Zimmer mit wem auch immer kommunizieren können, ohne dass die Eltern etwas mitkriegen.

In der Pubertät vergrössert sich das soziale Netzwerk der Jugendlichen signifikant. Da ist das Mobiltelefon ein wichtiges Werkzeug, um dieses Netz pflegen zu können. Das machen aber auch die Grossen. Alle Studien zum Thema unterstreichen immer wieder die phatische Funktion mobiler Kommunikation. Während die meisten NeukäuferInnen das Mobiltelefon primär in aussergewöhnlichen Situationen benutzen wollen (Hilfe rufen, Verspätungen melden etc.), diversifiziert sich ihr Nutzungsverhalten nach kurzer Zeit (Geser 2002). Die wichtigste Funktion ist dann jene der Kontaktpflege des sozialen Netzes.

Aber wo führt das auch hin? Hans Geser sieht in der mobilen Kommunikation eine der Erfindungen mit den am weitesten reichenden Implikationen auf die Gesellschaft - weit wichtiger als z.B. das Internet. Denn mit dem Mobiltelefon werden erstmals die zwei wichtigsten Einschränkungen aufgehoben, die für die Aufrechterhaltung sozialen Lebens in Kauf genommen werden müssen/mussten: Die physische Nähe zu anderen Menschen und das sesshafte Leben. Letztlich waren diese Einschränkungen dafür verantwortlich, dass soziale Institutionen wie die Kirche, der Markt, die Familie etc. entstehen konnten. Wenn es nun möglich wird, dank mobiler Kommunikation das eigene soziale Netzwerk unabhängig vom Ort aufzubauen, seien diese Institutionen natürlich in ihrer jetzigen Form gefährdet.

Das Festnetz-Telefon kann zwar ebenfalls Distanzen überwinden (wie viele andere Medien auch), verstärkte aber (nach Geser) die sozialen Institutionen und die gesellschaftliche Schichtung noch, da die Telefone selber an Orte gebunden sind. Man trennt zwischen der geschäftlichen und der privaten Nummer und hat eine Vorstellung davon, wie der Kontext des Angerufenen aussehen muss. Das persönliche Mobiltelefon lässt die örtlichen und funktionalen Grenzen aber verschwinden.

Soviel für heute. In einem der nächsten Einträge wird es darum gehen, weshalb das Piepsen des Mobiltelefons im Zug so nervig ist und wehalb die Deppen immer so laut in ihr Telefon brüllen... Doch dazu eine Frage: Wo ist mobiles Telefonieren tabu? Im Restaurant, im Zug, im Geschäft, während der Vorlesung, der Sitzung auf dem Klo? In der Badewanne, im Bett, beim Candle Light-Dinner? Wenn man zu zweit, zu dritt durch die Stadt läuft oder im Café sitzt? Her mit den Tabus!

Literatur:
Geser, Hans: Towards a Sociological Theory of the Mobile Phone. University of Zürich, August 2002.

Ling, Rich / Helmersen, Per: "it must be necessary, it has to cover a need": The adoption of mobile telephony among pre-adolescents and adolescents. 2000. In: Ling, Rich / Thrane, Kristin (Hrsg.): Sosiale konsekvenser av mobiltelefoni: proceedings fra et seminar om samfunn, barn og mobiltelefoni. FoU Notat Telenor, 2000. S. 19--23

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Warum, weshalb und wie es dazu kam...

Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.

Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...