Ich und das Mobiltelefon: Dokumentation eines Selbstversuchs

"Du kannst nicht über Mobiltelefone forschen, wenn du selber keines hast!", stellte mein Kumpel kürzlich klipp und klar fest. Er hat ja Recht, aber dieser risikovolle Selbstversuch soll immerhin dokumentiert werden. Mein Mobiltelefon-Tagebuch(*):

Das Experiment ist beendet, das Mobiltelefon ausser Betrieb, Funkstille...

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31. Okt. 2002: Zu hip für diese Stadt

Nein, mein Handy hat mich nicht ermordet, es ist auch nicht abgestürzt, genausowenig wie ich. Es gibt schlicht keine Entschuldigung dafür, erst heute wieder zu schreiben. Nun denn, was gibts heute?

Zuerst das absolute Hip-Feeling vom letzten Samstag: Der Besuch der langen Nacht der kurzen Geschichten in Zürich verursachte den Sturz meines Guthabens der Prepaid-Karte von 26 Franken irgendwas auf 9 Franken irgendwas! Immerhin erkaufte ich mir dafür mindestens 100 zusätzliche Punkte zu meinem persönlichen bisherigen, bescheidenen Hipness-Punktestand. Und das ging so:

Wir warteten zu dritt im Zürcher Trendlokal "Lily's" an der immer noch trendigen Langstrasse darauf, dass die staff uns einen Tisch zuweisen würde. Genau zum Zeitpunkt, als es dann endlich so weit war, vibrierte meine Brusttasche. R. S. aus Z.-W. war am anderen Ende der Leitung (ähm: diese Metapher kann man da ja auch nicht mehr benutzen! Am Ende der Funkwellen). Ich begrüsste sie aber mit dem falschen Namen, da mir mein Mobile den Anruf von Y. M. aus Z.-Oe. meldete. Ha, da täuschte sich aber das Mobile! Handylose Menschen borgen sich zuweilen nämlich ein ebensolches aus...

Nun, nachdem das Missverständnis geklärt war, konnte ich R. S. meine Koordinaten durchgeben (obwohl ich dafür gar nicht nötig gewesen wäre, da meine Telefongesellschaft das ebenfalls und erst noch auf den Meter genau hätte angeben können...). Soviel zum Inhalt. Aber: Ich genoss also das erhebende Gefühl, etwas verwirrt dem staff-Menschen zu folgen, telefonierend (schreiend), sichtbar für die ganze Gästeschar, die wohl dachte: Wow, dieser gutaussehende Mann ist ja ein unheimlich trendiger Mensch, wie der da durch das hippste Lokal läuft und wahrscheinlich von einem seiner Fans gerade gebeten wird, ihm einen Tipp für das hippste Lokal in Zürich zu geben... Wirklich, es war super. Ok, die Wirkung wurde später wieder etwas geschmälert dadurch, dass mir das Mobiltelefon in hohem Bogen aus der Hand fiel, als ich es etwas später aus der Tasche ziehen wollte, und ich anschliessend unter den Tischen nach dem blöden Teil suchen musste...

So, ich muss die norwegischen Kiddies auf das nächste Mal verschieben, dafür noch etwas LeserInnen-Post verarbeiten. Da stellt U. M. nämlich die Frage:

ich fände noch spannend (und weil es eine studie ist sogar notwendig), dass du uns leserinnen und lesern die anzahl der reaktionen angibst. hat deine site eine lawine ausgelöst oder treffen die fragen sporadisch ein (und noah freut sich bei jedem mail wie ein wilder)?
Nun: Ich freue mich wie ein Wilder, das ist ja klar! Ich gebe zu, die Anzahl der Mailing-Listen-AbonnentInnen liegt noch im einstelligen Bereich, allerdings bei mehr als 5 und weniger als 7. Anderweitige Post kommt regelmässig und wird meistens gleich veröffentlicht. Die Hits-Anzahl auf meiner Website ist aufstrebend wie Zürichs Trendquartiere, Hoffnung besteht also. Völlig misslungen ist die Frage nach den Mobiltelefonkosten meiner LeserInnen. M. H. aus Z. ist die einzige, die geantwortet hat:
ich bezahle pro monat rund 40fr für meine handy kommunikation. forschungsergebnisse erwünscht!! :-)
Ich entschuldige mich für die indiskrete Frage und bemühe mich um amtliche Statistiken...

Es erreichten mich noch zwei Zuschriften zum Thema "lebensgefährliches Mobiltelefon", deren Publikation wir aber auch auf ein späteres Datum verschieben müssen...

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Warum, weshalb und wie es dazu kam...

Als Kommunikationswissenschafter und Linguist beschäftige ich mich mit den Medien, die uns umschwirren. Die Mobiltelefonie ist ein unbestritten interessantes Phänomen der letzten Jahrzehnte. 1997, als ich mich das erste Mal mit den linguistischen Besonderheiten der Mobilkommunikation beschäftigte, war das wissenschaftliche Interesse noch schmal. Fünf Jahre später gibt es reichhaltige Literatur zum Thema.

Obwohl Selbstinspektion ein riskantes Verfahren der Empirie ist, kann ich den Vorwurf nicht von der Hand weisen, dass ich schon selber Erfahrungen mit einem Mobile sammeln müsse, um dieses Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. Nun gut, so sei es: Ich kaufe mir eins. Soviel steht am 8. Oktober 2002 fest. Wie es weiter geht, entnehme man dem Tagebuch...